2/23 Memories
Inhalt
Kompensation und Organisation
Erinnern im stationären Hospiz
Sarah Baum
Sea Change
Begegnungen mit human remains in Miniaturen
Regina F. Bendix
Yugoslavism in the 21 st Century
(Memory of) an Identity
Milica Popović
Im Gedenken das Vergessen oder:
Erinnerung in Zeiten von Leugnung?
Medina Velić
Die Gewalt der Archive und ihre Darstellungsfragen
Eine Reflexion über Saidiya Hartmans „Critical Fabulation“
Lotte Warnsholdt
Politics of Memory and Media
A Critical Look at the (Re-)Capture of the Palace of Justice in Bogota
Julián Penagos-Carreño
„Verschwinde, Rosalinde!“
Wandernde Erinnerungen des (An)Kommens und Gehens
Sarah Nimführ
Zu wenig, zu viel?
Knappheitstheoretische Überlegungen zu Diskursen innerhalb
(digitaler) Erinnerungskulturen an die Shoah
Janina Schwarz
Stören und Stören Lassen
Das Berghofgelände am Obersalzberg als Erinnerungsort der extremen Rechten
Julia Gilfert
Aufarbeitung
Eine Annäherung
Gudrun Silberzahn-Jandt
“Auch uns gehört der 9. November”
Über Ausschüsse und Pluralisierung der deutschen Erinnerungskultur
Carlotta Stockmayer-Behr
Border Memories
Remembering as an Embodied Performance of the Border
Melina Götze
Gastarbeiter*innen Stories
Kunst als Arbeit am Gedächtnis pluralistischer Gesellschaften
Simone Egger
Im Schatten der Revolte
Zum Wandel der Geschlechterbeziehungen in biografischen Narrationen von Nichtakademikerinnen der 1968er-Generation
Alexandra Regiert
“In fact, it's about mothers going to war or not.
Even though male heroic stories are told over and over again.” An Essay on Fragmentary Memories of Resistance
Christina Sterniša
Kompensation und Organisation
Erinnern im stationären Hospiz
Sarah Baum
Erinnern im Dienst der Sterbenden. Erinnern im Hospiz konstituiert sich somit aus aufgebrachter und erlebter Nähe, die für die Mitarbeiter*innen elementar ist: natürlich [ist] die Arbeit auch nur dadurch erfüllend, DASS wir auch Beziehungen kriegen zu diesen Menschen. Hierdurch besteht eine Wechselwirkung zwischen dem Geben von Nähe als arbeitspraktisches Moment und Erinnern als individueller Reaktion auf den Verlust der Bindung: Für mich spielt es immer ’ne Rolle, wie nah war mir derjenige, wie nah hab ich begleitet. Hatte ich wirklich ’ne nahe Begleitung oder […] hatte ich ihn gar nicht so in der Pflege, ja? Nähe in Form der Bindung zu den einzelnen Bewohner*innen schreibt sich in das Gedächtnis ein, wird zur Sache der persönlichen Auseinandersetzungen und insofern Bezugsrahmen bewussten Erinnerns. Entscheidend für einen erinnerungswerten Umgang mit den Verstorbenen ist zunächst die Nähe, die sich aus einem guten Draht zu den Verstorbenen und ihren Zugehörigen entwickelt. Nähe, die die selbstbestimmte Begleitung sichern soll, generiert sich aus einem Sympathieerleben, das stark auf einer Spiegel-Funktion der begleiteten Persönlichkeiten basiert: Aber dann gibt’s auch Menschen, die einen emotional irgendwie äh berührt haben, weil die Lebensgeschichte irgendwas hatte, was einen selber berührt hat, weil man Parallelen gesehen hat, weil man sich dieselben Fragen gestellt hat. Auch die Länge der Beziehung ist relevant, die sich konsequenterweise aus der gemeinsam verbrachten Zeit innerhalb eines – durch die Sterblichkeit des Gegenübers – limitierten Rahmens ergibt. Bezogen auf die leiblich-affektive Ebene bedeutet weniger aufgebrachte bzw. verbrachte Zeit auch eine verminderte emotionale Involvierung, die den Tod gelassener in den Blick nimmt: Wir haben auch Gäste, wo wir gar nicht lang haben. […] die sind in der Früh gekommen und am Abend gestorben. […] Macht’s halt auch (1) ’n bissl leichter [, dass es] einen dann nicht so mitnimmt. Nun kann geschlussfolgert werden, dass Erinnerungen als Ergebnisse von Erlebnissen maßgeblich davon beeinflusst sind, wie intensiv (temporal und kausal gedacht) die Ereignisse erlebt werden und dementsprechend Wissen über die Situation hervorbringen. Indem die Mitarbeiter*innen sich erinnern wollen, wird deutlich, dass Beziehungen realisiert wurden und diese unter dem Paradigma einer persönlichen Struktur im Hospiz auch authentisch erlebt wurden. Einzelne Begleitungen werden zentriert, wobei die Vielzahl an Verstorbenen zugunsten Einzelner in den Hintergrund tritt. Erinnern, wie es im Hospiz vonstatten geht, ist dadurch Abbild eines arbeitspraktischen und erinnerungskulturellen Pragmatismus. Nicht alle Begleitungen können und sollten verinnerlicht werden, zu offenkundig herrscht hier das Postulat einer Professionalität in Hinblick auf den Beziehungsaufbau. Orientierung und Kompensation braucht es aber dann, wenn die Identität der einzelnen Mitarbeitenden durch Trauer um eine bedeutende Begleitung an Stabilität verliert. So wird das Erinnern zum Akt der persönlichen Kompensation.
Die Vielfalt des Erinnerns
Individuelles Erinnern im Hospiz existiert demnach zweifellos, sodass Nähe, Beziehungen und Sympathien das eine sind. Die Institutionalisierung, die sich im Zuge der Erhebung erkennen ließ, ist jedoch das andere. Ungeachtet persönlicher Bestrebungen ist Erinnern im stationären Hospiz über institutionalisierte Rituale organisiert. So existiert ein Konsens über die möglichen Erinnerungsrituale und die annähernd gleichen Handlungen erscheinen in dieser Form als Ausdruck von Hospizkultur. Es erfolgt über die Interaktion mit materiellen Formen der Erinnerung sowie im Zuge von Ereignissen zu Zwecken der Erinnerung an die verstorbenen Gäst*innen der Hospize. Entsprechend ist Erinnern sowohl elementarer Bestandteil als auch Ziel der Handlungen.
Neben angelegten Gedenkbüchern mit biografischen Details, die gestaltet und individuell eingesehen werden, existieren Erinnerungsrituale innerhalb von Dienst-/Teambesprechungen. Hier werden wöchentlich oder monatlich Namen und geteilte Erlebnisse mit den Verstorbenen eines bestimmten Zeitraumes wiedergegeben: Da zünden wir Teelichter an und sprechen einfach nochmal so, was einfach im Team nochmal wichtig ist zu erzählen, von diesem Menschen. Eingeläutet durch tragende Musik oder einen Text, inszeniert sich das Gedenken sowohl als stille[r] Raum [als auch] Raum […] der Auseinandersetzung. Ausgangspunkt dieser Deutungsweisen ist das Verlesen der Namen, nach welchem es den Mitarbeiter*innen überlassen bleibt, ob sie etwas über die Verstorbenen sagen möchten oder nicht – ansonsten brennt diese Kerze einfach in der Stille. Zentrale Themen sind hier sowohl die individuell erlebte Biografie als auch der Aufenthalt samt Sterbeprozess. Dahingehend erfolgt neben der Wiedergabe der üblichen Geschichten, Anekdoten zu demjenigen, die mitunter ein positives Erinnerungsbild konstruieren, auch die Offenbarung von Problemen in der Begleitung oder mit der*m einzelnen Verstorbenen. Darüber hinaus werden auch fulminante, tragische Situationen, etwa weil das Sterben besonders schwer war oder weil’s besonders schnell ging, thematisiert. Demnach wird aus dem Raum der (positiv konnotierten) Erinnerung auch ein Raum der Auseinandersetzung mit prekären Situationen innerhalb der Begleitung: das ist der Raum, wo man eben erinnert, wo man dann eben auch sagt, das und das war für mich schwierig.
Ferner wird auch im größeren Rahmen mit den Angehörigen der Toten gedacht. Üblicherweise ist die Feier ein ökumenischer Gottesdienst, der sich inhaltlich an einem trauerspezifischen Themenbereich orientiert, um entsprechende Texte und Lieder ergänzt wird und ein größeres Abschiedsritual – das Nennen der Namen der Verstorbenen – integriert. Aufgrund der Ausrichtung auf die Angehörigen rücken die Mitarbeiter*innen als zu erinnernde Akteur*innen in den Hintergrund, sodass vorrangig Folgendes intendiert ist: man kann nochmal gemeinsam über irgendwas lachen oder reden oder einfach auch nochmal Stütze sein. Dennoch besteht der Anspruch, Abschied zu nehmen [und] auch nochmal diesen Menschen zu würdigen, an diesen Menschen zu denken und […] dieser Trauer Raum zu geben.
Generell ist in Relation zum vielfachen Sterben im Hospiz auch die Hinwendung zu rituellen Handlungen plausibel. Es gilt schlichtweg: „Der Tod geht immer mit, muss bearbeitet und ausgehalten werden.“ Das Bearbeiten und Aushalten des Todes obliegt zwar vorrangig den Mitarbeiter*innen, dennoch erscheinen die etablierten Rituale als (vermeintliche) Formen der Kompensation, die Belastendes kontrollieren, auflösen und so das Arbeiten mit neuen Gäst*innen ermöglichen. Nun rücken ein Rationalisieren und Selektieren von Erinnerungen und Erinnerten in den Hintergrund, Antipathien und Sympathien werden aufgeweicht – jede*n Verstorbene*n gilt es rituell zu erinnern. Demnach löst das institutionalisierte Erinnern das individuelle Erinnern ab und setzt ihm institutionell gesteuerte Mechanismen und Maßnahmen entgegen. Wie nachfolgend skizziert wird, sind diese zum einen das Ergebnis anderer Arbeitsstrukturen sowie zum anderen spezifischer Mitarbeiter*innen und deren Ausbildung, die Erinnern als erlernbares und notwendiges Tun begreifen.
Erinnern organisieren: Raum, Zeit und Wissen
Froggatt schreibt stationären Hospizen die Fähigkeit zu, Zeit und Raum für den anstehenden Statuswechsel von Leben zu Tod zu schaffen. Mehr noch gilt, dass Hospiz im wissenschaftlichen Diskurs einen gesonderten, anderen Raum des Sterbens zu bilden scheint. Lindner spricht von Hospiz als „Kompensationsheterotopie“, das dem ‚unwürdigen‘ Sterben außerhalb der Räume des Hospizes einen Gegenort entgegensetzt, „um im Inneren einen Raum außergewöhnlicher Ordnung und Kontrolle von Handlungen, Menschen und Dingen einkehren zu lassen, den es in dieser Form im Außen nicht gibt.“ Entgegen der Marginalisierung des Sterbens, des Todes und der Toten, eignet sich Hospiz den Tod an. Dort ist das Sterben nicht die Ausnahme, sondern jeder rechnet immer damit und ich denk, […] das ist natürlich nochmal ein Unterschied. Der beschriebene Unterschied meint hier den Umgang mit Sterben und Tod im Klinik- und Altenpflegealltag, welchen sämtliche Gesprächspartner*innen vor ihrer Anstellung im Hospiz erlebten. Im Klinikalltag hat man ja kaum Zeit, wohingegen das Hospiz Zeit und Raum für den Tod schafft. Sowohl auf materiell-struktureller Ebene als auch auf ideell-immaterieller Ebene verfügt das Hospiz über entscheidendes Kapital zur Ausgestaltung des Übergangs und damit zur Tradierung und Praktizierung von Ritualen zu Zwecken der Erinnerung. Diese konstituierte und in Konsequenz erlebte Andersartigkeit ist folglich auch ein entscheidender Faktor hin zur Genese einer hospizlichen Erinnerungskultur:
Die Frage des Umgangs mit Tod und Sterben ist ja jetzt für ’ne normale […] Station nicht so präsent. Da muss ja der Laden laufen. Da muss die Aufnahme und dann Entlassung und bahbahbam. Da ist einfach kein Raum. Keine Zeit, kein Raum, kein Geld. Und Palliativstation und Hospiz sind ja per se schon mal Orte, wo mehr Raum da ist. Und ich glaub deswegen ist da auch der Gedanke da, dass man sich erinnert, weil Raum und Zeit da sind.
Die vorhandene Zeit, die als Arbeitszeit sowohl Pflege- als auch Emotionsarbeit inkludiert, resultiert mitunter aus anderen Regeln, wie etwa einer großzügigeren Personalausstattung, die als Garant für die Wahrung der Patient*innenautonomie gilt. Mehr Personal und mehr Zeit bedeuten gleichsam mehr Zeit für das hospizliche Erinnern: Also sie geben uns die Zeit für diese Zeit, wo […] natürlich der Spätdienst dann länger bleibt. Mehr Raum wird dem Erinnern auch durch das Hineinbegeben in einen expliziten Ritualraum gegeben, der im Sinne „eines Rückzugsraumes sowie eines Ortes der Meditation und der Andacht“ konzipiert ist. Insofern wird das Erinnern an einem konkreten Ort ermöglicht: Es ist einfach dann (1) abgeschlossen, es ist ein ruhiger Raum, wo man ’n bissl zur Besinnung kommen kann.
Andere Räume, wie es Hospize darstellen, fordern so nach anderen Gesetzgebungen, Normierungen und Regelmäßigkeiten. Die Rahmenvereinbarungen, die Zeit und Raum für den Tod – und schlussendlich auch für das Erinnern – erst ermöglichen, sind gesetzte Strukturen, die im Zuge der Institutionalisierung erwirkt werden konnten. Hierdurch sind Raum-, Personal- und Materialausstattung Angelegenheit des Gesundheitssystems, die in einem ersten Schritt durch Personal, Zeit und Raum mehr als rationalisiertes, technokratisch ausgerichtetes Arbeiten ermöglichen und in einem zweiten Schritt auch Raum für Erinnern schaffen. Am Ende bestimmen jedoch die Mitarbeiter*innen darüber, wie jene Strukturen Hospiz formen. Im Selbstverständnis als Begleiter*innen Sterbender können sie zu aktiven Ritualmacher*innen werden, um die Genese des rituellen Erinnerns fortzuschreiben. Sie sind „ritual specialists“, und auf diese Weise Macher*innen der Erinnerungsrituale. Mitarbeitende sind dafür verantwortlich, dass einerseits die Ritualstruktur eingehalten wird und andererseits ist es Aufgabe der Einzelnen „Impulse für Neues zu geben, für neue Konstellationen auch neue Ritualhandlungen zu initiieren.“ Ausgehend von einer „spirituelle[n] Ladung“ der hospizlichen Sorgekultur, wird das Erinnern in der modernen Nächstenliebe verortet: Das ist alles was sehr Spirituelles. […] Also das muss man mitbringen, um irgendwie ‘ne Idee zu haben, was man da tun kann.
Dies zeigt sich auch in den Bestrebungen Einzelner, die die Gestaltung einer kollektiven Erinnerungskultur initiiert haben: […] das waren einzelne einfach engagierte Kräfte, die gesagt haben: ‚Sie möchten das. Sie brauchen das.‘ […] Das waren natürlich auch Leute die ’n kirchlichen Bezug hatten.
Auf diese Weise werden Erinnerungsrituale zu praktizierter Caritas, verankert in einem menschlichen Bedürfnis, das als rituelle Kompensation mit profanen und sakralen Bezugs- und Legitimationspunkten realisiert wird. Eng verknüpft mit der Idee Hospiz, ist demnach auch das Erinnern Ausdruck einer würdevollen, humanen Verabschiedung, die aus einem Wissen um die Möglichkeit sinnstiftender Rituale resultiert.
Dieses proklamierte Wissen des Erinnerns ist jedoch nicht zwangsläufig nur das Ergebnis sakralen wie profanen, da biografischen Vorwissens, sondern auch erlerntes Wissen. Hospizidee und palliative Pflege- und Sorgearbeit werden an lokalen Hospizakademien, an welchen neue Mitarbeiter*innen die Weiterbildung Palliative Care durchlaufen müssen, zu Gegenständen hospizkultureller und palliativmedizinischer Wissensdiskurse. Das in diesen Bereichen verhandelte Wissen betrifft einerseits pflegerisches Handeln, aber auch die Entwicklung eines Selbstverhältnisses zur Hospizidee sowie ein Handeln nach den Parametern von Hospiz. Demgemäß verwundert es nicht, dass auch die hospizliche Ritualpraxis Gegenstand der Palliative Care Kurse und so das (rituelle) Erinnern erlernbar wird. Innerhalb eines Veranstaltungsblocks hat das Thema Rituale […] damals bei uns ’nen Tag in Anspruch genommen, dass man nur über verschiedene Rituale spricht, was es denn alles gibt, welchen Sinn es hat, was sind überhaupt Rituale. Diese Beobachtung deckt sich mit den Inhalten etwaiger Lehrbücher zu Palliative Care. Dort werden die Erinnerungshandlungen und das Erinnern als Schutzfaktoren, als „heilsame Kraft“ und als Möglichkeiten zur Selbsthygiene bzw. Selbstpflege der Mitarbeitenden, dargestellt. Auf diesem Weg sollen die Mitarbeiter*innen lernen, dass man selber rauskriegt, wie kann ich damit am besten Abschied nehmen. Oder abschließen, damit ich des nicht mit nach Hause trag. Es ist daher anzunehmen, dass die proklamierten Handlungen des Erinnerns nicht allein aus individuell-psychologischen Gründen innerhalb der Curricula verankert sind, sondern ebenso aus professionellen Gründen. Rituale dienen hier als berufliche Strategien der Affektkompensation und werden zu etwas, das es zu fixieren, vermitteln und demnach organisieren gilt.
Ungeachtet dessen kommen die Wissensinhalte der Ausbildung erst in der Praxis zum Tragen. Entscheidende Phase der Hospizarbeit, in welcher neue Kolleg*innen an das Erinnern herangeführt werden, ist die Einarbeitungsphase: dann gibt’s natürlich auch ’n Einarbeitungskonzept ähm und (2) ein[en] Kollegen oder zwei Kollegen […] also von A bis Z […]. Auch eben solche Rituale. Es erfolgt damit im Zuge des Erlernens von palliativer Arbeit auch das Lernen von ritueller Arbeit. Erinnern ist daher eine spezifische Kompetenz, die gelehrt, verschriftlicht, praktiziert, angeeignet und dadurch weitergegeben wird.
Fazit
Auch die augenscheinliche Gewissheit von Sterben und Tod im Hospiz vermag auf eine paradoxe Weise ein Problem darzustellen: nämlich dann, wenn der Tod trotz aller geforderten Selbstverständlichkeit für die Begleitenden keine ist. Das Handeln nach hospizlichen Maßstäben zielt auf Nähe, sodass das individuelle Erinnern als Mechanismus der Kompensation zu verstehen ist. Dieses Erinnern steht im Hospiz jedoch nicht für sich allein – freiwillig und diffus –, sondern wird zugleich zum Gegenstand in institutionell organisierten Ritualen. Überspitzt gesagt wird daher seitens der Einrichtungen der Versuch unternommen, die Folgen der institutionellen Bearbeitung des Sterbens institutionell zu bearbeiten. Die Existenz von Erinnerungsritualen im Hospiz allein aufgrund der Krise Tod zu erklären, wäre in Hinblick auf die Institutionalisierung der Erinnerungsrituale jedoch zu kurz gegriffen. Denn während das individuelle Erinnern vordergründig in der Notwendigkeit der eigenen Betroffenheit begründet ist, mutet das organisierte Erinnern als Pflicht an, die auch ohne eine hohe affektive Involvierung der Mitarbeiter*innen existiert. Es finden sich Raum, Zeit, Wissen und Personal, die das Erinnern organisieren und es zum hospizlicher Standard erklären. In Zwischentönen klingt es daher immerzu an: Erinnern orientiert sich an der hospizlichen Leitidee, die jedwedes Denken und Handeln durchdringt. Diese Handlungsmaxime ist allgegenwärtig, sodass Erinnern im Sinne einer Abschiedskultur oder für ein Verständnis der hospizlichen Haltung eminent wird. Gleichermaßen korrelieren im Erinnern auch arbeitspraktische Momente, die näher an der Rationalität des pflegerischen Arbeitens denn am hospizlichen Ideal sind. Die Voraussetzungen und Strukturen, erwirkt im Zuge der Institutionalisierung, haben jedoch allzeit Bestand: Erinnert wird, weil Erinnern möglich gemacht wird.
Anmerkungen
- Dimbath, Oliver/Heinlein, Michael: Gedächtnissoziologie. Paderborn 2015, S. 86.
- Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München 2007, 6. Aufl., S. 33.
- Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen. Berlin u.a. 1966, S. 147.
- Der hier verwendete Ritualbegriff orientiert sich vorrangig an der Definition der Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger: „Als Ritual im engeren Sinne wird hier eine menschliche Handlungsabfolge bezeichnet, die durch Standardisierung der äußeren Form, Wiederholung, Aufführungscharakter, Performativität und Symbolizität gekennzeichnet ist und eine elementare sozial strukturierende Wirkung besitzt.“ Stollberg-Rilinger, Barbara: Rituale (= Historische Einführungen, Bd. 16). Frankfurt a. M. 2013, S. 9.
- Coates, Lilian: Care-Arbeit am Lebensende. Eine ethnomethodologische Perspektive auf die stationäre Hospizpflege. In: Bauer, Anna u.a. (Hg.): Rationalitäten des Lebensendes. Interdisziplinäre Perspektiven auf Sterben, Tod und Trauer (= Gesundheitsforschung. Interdisziplinäre Perspektiven, Bd. 3). Baden-Baden 2020, S. 119–148, hier S. 121.
- Coates, 2020, S. 124.
- Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin: WHO Definition of Palliative Care 2002, deutsche Übersetzung (o. J.), https://www.dgpalliativmedizin.de/images/stories/WHO_Definition_2002_Palliative_Care_englisch-deutsch.pdf (03.07.2023).
- Begemann, Verena: Aus der Tabuzone ins Leben. Hospizarbeit als Beitrag einer modernen Ars moriendi (= Theologie im Gespräch, Bd. 9). Essen 2001, S. 63.
- Coates, 2020, S. 121.
- Heller, Andreas u.a.: Die Geschichte der Hospizbewegung in Deutschland. Ludwigsburg 2013, 2. Aufl., S. 336.
- Schnierig, Stefanie: „Sorget nicht“ in helfenden Berufen? – Über die emotionale Beteiligung beruflich Sorgender. In: Henkel, Anna u.a. (Hg.): Sorget nicht – Kritik der Sorge (= Dimensionen der Sorge, Bd. 2) Baden-Baden 2019, S. 155–161, hier S. 156.
- Schnierig, 2019, S. 156.
Pluriversale Erinnerungskulturen
Seit jeher sind memories ein viel diskutiertes Thema und sorgen für Polemik und leidenschaftliche Debatten in den Medien, in der Politik und in der akademischen Welt. Trotz der allgegenwärtigen „Präsenz“ von memories bleibt umstritten, wie das Erinnern bzw. Erinnerung(en) in einer pluralen Gesellschaft zu verstehen sind. Wer erinnert sich an was, wann, wo und wie und wessen Erinnerungen sind dabei überhaupt sichtbar?
Im Jahr 1988 widmete sich der kuckuck unter dem Titel „Erinnern und Vergessen“ erstmals dem Themenfeld der memories. Zentraler Teil der damaligen Ausgabe waren mehrere Beiträge aus dem Tübinger Studienprojekt „Heimatkunde des Nationalsozialismus“. 35 Jahre danach fokussiert der kuckuck erneut das Erinnern und damit einhergehende Prozesse des Vergessens, indem der Blick auf Narrative, Praxen und Politiken des Erinnerns gerichtet wird, die die Vielfalt der gegenwärtigen Gesellschaft widerspiegeln. Der prozessuale und dynamische Charakter von Erinnerungsdiskursen führt dazu, dass sich seither neue Fragen aufgetan haben: Müssen Erinnerungen eine Quelle für Konflikte sein? Oder können Erinnerungen zu einem Aushandlungsfeld und damit zur Basis für Solidaritäten über unterschiedliche Erinnerungsgemeinschaften hinweg werden? Inwiefern produziert ein multidirektionales oder pluralistisches Erinnern neue Versionen von Gerechtigkeit? Wie interagieren soziale Gruppen, wenn ihre Identität auf unterschiedlichen Ereignissen oder auf unterschiedlichen Interpretationen derselben Ereignisse beruht? Wie können wir Erinnern nicht nur als politische, sondern auch als soziale Praxis erfassen? Welche Rolle spielen Kunst, Literatur, Populärkultur und Medien in diesen Prozessen? Wie zeigen sich Diskrepanzen und Ambivalenzen, sowie Verstrickungen und Überschneidungen in Bezug auf vielfältige Akteur*innen und Generationen? Welche Alltagspraxen hinterfragen das Spannungsfeld zwischen individuellen Erfahrungen und offiziellen Geschichtsrepräsentationen?
Die aktuelle Ausgabe versammelt Beiträge, die Pluralität als Ausgangspunkt von Erinnerungskultur(en) denken, eine Pluralität wie sie zum Beispiel in Michael Rothbergs multidirektionalem Erinnern oder jüngst in Max Czolleks Manifest der pluralistischen Erinnerung gedacht wird. Allen gemeinsam ist die Idee, dass keine universalistische Sichtweise notwendig ist, sondern eine Perspektive, die von geteilten, sich überschneidenden Erfahrungen und in Verbindung stehenden Narrativen ausgeht. Der Fokus auf den pluralen und dynamischen Charakter von Prozessen des Erinnerns und Vergessens zeigt, dass geteilte Geschichten insofern als gemeinsame Geschichten verstanden werden können, als dass die kolonialen und imperialen Beziehungen Menschen aus kolonisierenden und kolonisierten Gesellschaften in eine Beziehung zueinander setzen: diese Verhältnisse sind Teil der gemeinsamen Geschichten und des gemeinsamen Erinnerns geworden. Erinnern und Vergessen bedingen sich dabei gegenseitig und sind, wie auch das Spannungsfeld zwischen marginalisierten und hegemonialen Erinnerungen, konstitutiv für das Aushandeln der Vergangenheit und Hinterfragen vergangener und aktueller Ungerechtigkeiten.
Das laufende Jahrzehnt zeigt auf, dass in Zeiten von Krisen wie der Pandemie, Krieg und Terror, Ressentiments sowie Rassismen auf der Tagesordnung stehen. Positionierungszwänge und -ängste führen dazu, vermeintlich mit „der einen“ oder „der anderen Seite“ sympathisieren zu müssen oder sich der Stimme gänzlich zu enthalten. Im Kampf um „richtige“ Positionierungen gerät das individuell erfahrene Leid in den Hintergrund, konkurrierende und selektive Solidaritäten erhalten den Vorzug gegenüber gemeinsamen Positionen gegen Gewalt gegenüber Zivilist*innen, (religiös begründeten) Rassismen und Ausgrenzung. Forschende, die sich in vielfältigen Formen und aus einem pluriversalen Blickwinkel Erinnerungskulturen widmen, sollten nicht diskreditiert werden, wenn sie sich am Nexus verschiedener Debatten bewegen – wie dies aktuell im Diskurs um dekoloniale/postkoloniale Theorien der Fall ist. Gerade vereinende Perspektiven und Erinnerungen können ein Weg zu mehr Verständnis und Solidarität sein. Denn die Arbeit an den Schnittstellen – und damit auch an geteilten Geschichten –, sowie das Aushalten und Aushandeln wissenschaftlicher pluriversaler Perspektiven, ermöglicht eine Erweiterung von Erinnerungsräumen und Erinnerungskultur(en).
Eine solche Erweiterung des Raumes beabsichtigt auch diese kuckuck-Ausgabe. Mittels unterschiedlicher Formate widmen sich die Beitragenden dem (Praxis) Transfer von Wissen und Erfahrung innerhalb des Themenfeldes memories. Den Beginn macht ein Einblick in das hospizliche Totengedenken. Sarah Baum erörtert in ihrem Beitrag Erinnerungsrituale in einem Hospiz aus Perspektive der Mitarbetier*innen. In der Rolle der ethnografischen Begleitforscherin teilt Regina Bendix im anschließenden Beitrag Momente aus ihrem Feldtagebuch zur Restitutionsvorbereitung von human remains und fokussiert damit auf das wissenschaftliche Erinnern und Sichtbarmachen sich überkreuzender postkolonialer Geschichte(n) und Lebenswelten. Aus einer eurozentristischen Perspektive tritt auch der Beitrag von Milica Popović heraus. Diese beschäftigt sich mit dem Konzept Yugoslavism, welches auf jugonostalgischen Erinnerungserzählungen aufbaut und bettet dieses in den politischen Kontext eines Anti-Yugoslavism und Anti-Kommunismus, ebenso wie des Überwindens statischer ethno-nationaler Identitäten und Bildens neuer politischer Solidaritäten.
Die Beiträge von Medina Velić, Julián Penagos-Carreño und Lotte Warnsholdt widmen sich aus verschiedenen Perspektiven dem kollektiven Gedenken und dem damit einhergehenden Vergessen – häufig politisch motiviert und instrumentalisiert, wie in den Beiträgen anhand von politischen Eliten, Mediendiskursen und Archivaufarbeitungen erläutert wird. Medina Velić schreibt in ihrem autoethnographischen Beitrag über Kriegserfahrungen in Bosnien und Herzegowina. Sie zeigt wie Überlebende, Angehörige, sowie Aktivist*innen ihre persönliche Kriegsgeschichte aufarbeiten, kollektiv gedenken und Strategien entwickeln, mit der Erinnerung an den Genozid zu leben und sich einer fortwährenden Leugnung der Geschehnisse aktiv entgegenstellen. Julián Penagos-Carreño stellt im kolumbianischen Kontext offizielle Darstellungen von Friedensprozessen anhand der Aushandlungen zwischen der Regierungsseite und der linken Guerilla in Frage, indem er mediale Repräsentationen über die (Wieder-)Einnahme des Justizpalastes in Bogota durch die Guerillagruppe “Movimiento 19 de Abril” analysiert. Lotte Warnsholdt rückt durch Saidiya Hartmans historiographischen Ansatz der „Critical Fabulation“ in Vergessenheit geratene Methoden, ebenso wie Lebenswelten ins Licht, welche Schwarzes Leben während und nach dem formalen Ende der Sklaverei erzählen.
Darauffolgend beschäftigen sich einige Beiträge aus unterschiedlicher Perspektive mit der Erinnerungsarbeit an die Shoah. Am Beispiel der jüdischen Diaspora in der Karibik beleuchtet Sarah Nimführ multidirektionale Erinnerungsbezüge der Nachkommen jüdischer Vertriebener, die eine gemeinsame Geschichte des (An-)Kommens und Gehens teilen. Janina Schwarz analysiert unter Bezugnahme auf die Konzepte von Michael Rothberg und Andrew Hoskins die Bedeutung von Knappheitsdiskursen anhand der Aushandlung neuartiger Virtual-Reality-Erinnerungsangebote und bewegt sich damit im Feld der (digitalen) Erinnerungskultur an die Shoah. Julia Gilfert beschäftigt sich in ihrem Essay mit Erinnerungspraktiken am Berghofgelände am Obersalzberg, auf dem einst Hitlers „Berghof“ stand. Sie gibt damit Einblick in rechtsextreme Praktiken, ebenso wie in den Umgang der Mitarbeiter*innen der nahegelegenen Dokumentation Obersalzberg. Der Beitrag von Gudrun Silberzahn-Jandt blickt, durch eine Abhandlung der Nutzungsgeschichte des Begriffs der Aufarbeitung, aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus.
Verknüpfungen von Erinnerungspraxen und Migrationserfahrungen stehen im Mittelpunkt der folgenden drei Texte: Der Beitrag von Carlotta Stockmayer-Behr befasst sich mit der Vervielfachung und den Ausschlüssen aus der deutschen Erinnerungskultur um den 9. November, an dem sowohl den Novemberpogromen 1938 als auch dem Mauerfall im Jahr 1989 gedacht wird. Unter dem Titel „Border Memories“ fokussiert Melina Götze die Bedeutung inkorporierter Erinnerungen (embodied memory) von Geflüchteten und deren Erfahrungen. Der Beitrag stellt damit unter Bezugnahme auf die Fluchtgeschichten von Bewohner*innen eines Camps in Bamberg einen Dialog zwischen kritischer Grenzregimeforschung und Erinnerungsforschung her. Simone Egger analysiert am Beispiel der „Gastarbeiter*innen Stories“ – einem digitalen Archiv-Projekt der Galerie Kullukcu Gregorian aus München – die Rolle zeitgenössischer Kunst für die Erinnerungsarbeit pluralistischer Gesellschaften. Die Beiträge von Alexandra Regiert und Christina Sterniša beschäftigen sich mit der weiblichen Perspektive innerhalb des Erinnerns von Widerstandsbewegungen und damit mit Erfahrungen, die in den meist männlich konnotierten Erzählungen des Widerstands, nur fragmentarisch vorkommen. Anhand von biografischen Narrationen von Nichtakademikerinnen analysiert Alexandra Regiert die Geschlechterbeziehungen der 1968er-Generation und spürt damit Ambivalenzen und Divergenzen zwischen persönlichen Erinnerungen und der normativen Großerzählung einer subversiv gesinnten Jugendgeneration nach. Christina Sterniša schreibt über weibliche Repräsentationen des griechischen Widerstands der 1940er Jahre und plädiert in ihrem Essay dafür, das Verständnis pro-aktiver Widerstandspraxen nicht nur auf einen heroisierenden bewaffneten Kampf zu beschränken, sondern breiter zu denken und damit einer Marginalisierung weiblicher Kriegserfahrungen entgegenzuwirken.
Auch der Kunstbeitrag dieser Ausgabe widmet sich Erinnerungsbildern mit einem weiblichen Blick. Ausgehend von ihrer eigenen Geschichte lichten die Künstlerinnen Rosanna D’Ortona, Francesca Magistro und Luisa Zanzani Migrationserfahrungen fern vom „Spektakel der Migration“ ab. Sie verlassen dabei ebenso die großen Erzählungen und fokussieren ihre Kamera auf das vermeintlich Banale und Subtile. Durch ihren nuancierten Blick bieten sie dem, was sich vermeintlich hinter den Kulissen abspielt, einen Schauplatz.
Nun möchten wir die Bühne den vielgestaltigen Beiträgen und Perspektiven auf das pluriversale Themenfeld memories überlassen und wünschen eine anregende Lektüre!
Sarah Nimführ
Christina Sterniša
Barbara Reichsöllner-Frischling
KUCKUCK-Redaktion
Österreich
Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie
Karl-Franzens-Universität Graz
Attemsgasse 25/I
A-8010 Graz
Deutschland
Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Oettingenstraße 67
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