1/26 Jubiläum - Inhalt
Leser:innenbrief von Beate Binder
Der Ruf des Kuckuck
Hommage an eine Fachzeitschrift jenseits der doxa herrschender Lehrmeinung
Johanna Rolshoven
Leser:innenbrief von Natalie Bayer
Wider die Produktion
Für eine postneoliberale Wissenschaft
Regina F. Bendix
Leser:innenbrief von Bernhard Tschofen
40 Jahre kuckuck
Ein Blick zurück in die Anfangsjahre
Johannes Moser
Leser:innenbrief von Jana Paulina Lobe
Leser:innenbrief von Uni Würzburg, Lehrstuhl Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft
Registerwechsel
Ein Erfahrungsbericht zur (populär-)wissenschaftlichen Wissensproduktion
Jens Wietschorke
Leser:innenbrief von Walter Leimgruber
für kritische texte sorgen
Ruth Dorothea Eggel und Sabrina Stranzl
Leser:innenbrief von Daniel Habit
Das fernsehmediale Wissensformat „Volksmusiksendung“: Die Schweiz erzählen
Sabine Eggmann
Leser:innenbrief von Anja Kittlitz
Zwischen Werkstatt und Wissensfeld
Ein Gespräch über kollaborative peer-review-Prozesse im kuckuck
Sarah Nimführ & Lydia Maria Arantes
Als ich einmal ins Fettnäpfchen trat
Rolf Lindner
Leser:innenbrief von Manfred Omahna
Kunstinsert
Ruth Dorothea Eggel
1/26 Jubiläum - Leseprobe
40 Jahre kuckuck - ein Blick zurück in die Anfangsjahre
Johannes Moser[1]
Der KUCKUCK ist frei, unabhängig und sorgt für
Überraschung
Der KUCKUCK lebt nicht in den Türmen der Wissen-
schaft allein
Der KUCKUCK sieht den Alltag und das Leben in
größeren Zusammenhängen,
aus „höherer“ Perspektive
Der KUCKUCK sucht fruchtbare Koexistenz mit
anderen und lebhaften Meinungsaustausch; er lebt
von den Gedanken und Ideen Arrivierter und jener,
die es vielleicht noch werden
Der KUCKUCK präsentiert sich - anders
Der KUCKUCK hat sein Nest in Graz
So lautete eine Selbstdarstellung des kuckuck auf einem Werbeplakat um 1989. Drei Jahre zuvor, also vor 40 Jahren, war die erste Ausgabe des kuckuck erschienen. Es handelte sich um ein dünnes Heft von 20 Seiten, das sich innerhalb weniger Jahre auf einen Umfang von 40 Seiten erweiterte und beim Heft 2/1996 mit dem Titel Begehren das erste Mal mehr 60 Seiten umfasste, was über die letzten zwei Jahrzehnte zu einem Standardumfang geworden ist.
Der Start des Unternehmens kuckuck datiert allerdings in das Jahr 1985 und fiel in eine Zeit großer Umbrüche am Grazer Institut für Volkskunde, wie es damals noch hieß, und in eine Zeit heftiger Diskussionen innerhalb der österreichischen Volkskunde. In Graz wurde der Ordinarius Oskar Moser im Jahr 1984 emeritiert und die Nachbesetzung seiner Professur nahm einige Zeit in Anspruch. Eine erste Liste scheiterte nach längeren Verhandlungen an der Absage des erstgereihten Kandidaten und daran, dass kein Einvernehmen über die aequo loco Zweitplatzierten gefunden werden konnte. Schon in diesem Verfahren trafen die unterschiedlichen Positionen einer eher traditionell orientierten Volkskunde und einer modernisierten kulturwissenschaftlichen Variante des Faches aufeinander. Dies setzte sich beim zweiten Verfahren fort, wo ebenfalls harte Debatten geführt wurden. Etwas verkürzt kann gesagt werden, dass der akademische Mittelbau und die Vertreter*innen der Studierenden der „Modernisierungsfraktion“ angehörten, die meisten Vertreter[2] der Professorenschaft (die meisten unter ihnen Historiker) hingegen eher die traditionelle Ausrichtung befürworteten.
Insgesamt war die österreichische Volkskunde auf professoraler Seite und in Leitungen der meisten außeruniversitären Institutionen (insbesondere Museen) bis weit in die 1980er Jahre hinein eher konservativ in dem Sinn, dass traditionellen Positionen und einem „klassischen“ Kanon der Forschungsinteressen gefolgt wurde. Ausnahmen bildeten der Wiener Fachvertreter Helmut Paul Fielhauer († 1987), der linke und sozialkritische Positionen vertrat und in einem eingeschränkteren Ausmaß der ehemalige Direktor des österreichischen Volkskundemuseums Leopold Schmidt (†1981). Durchbrochen wurden diese Traditionen von Teilen des sogenannten akademischen Mittelbaus, die insbesondere den Ideen einer empirischen Kulturwissenschaft anhingen, wie sie in Tübingen praktiziert wurde, in Einzelfällen aber auch darüber hinaus hinausging, indem den Ansätzen einer internationalen Kulturanthropologie und der französischen Poststrukturalisten Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Auch das wichtigste Publikationsorgan des Faches in Österreich, die Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, konnte als eher konservativ angesehen werden, wobei einzelne Beiträge vor allem von deutschen Fachvertretern aus der ersten Hälfte der 1990er Jahre einen Paradigmenwechsel ankündigten.
Vor diesem Hintergrund beschlossen die Assistent*innen Elisabeth Katschnig-Fasch († 2012), Burkhard Pöttler und Adelheid Schrutka-Rechtenstamm (in der Vorbereitungsphase war auch noch Helmut Eberhart beteiligt) und die Studierenden Johannes Moser, Wolfgang Otte († 2024) und Hans Peter Trumler ein neues Publikationsorgan ins Leben zu rufen. Ich erinnere mich noch an unsere ersten Treffen in der Ferl Weinstube in der Grazer Burggasse, die es - zwar mit neuen Inhabern - immer noch gibt. Über die grundsätzlichen Aspekte, wie sie eingangs dieses Artikels vorgestellt wurden, waren wir uns schnell einig. Wir wollten Themen eher selbst setzen, als auf bestehende Schwerpunkte aufzuspringen. Wir wollten überraschen und offen sein für unterschiedliche Perspektiven, die aus unterschiedlichen Fächern auf das jeweilige Thema einer Ausgabe blickten. Wir wollten die unterschiedlichen Statusgruppen innerhalb der Universitäten in unseren Heften ebenso vertreten wissen wie Autor*innen von außerhalb des Elfenbeinturms, wobei letzteres nur zum Teil gelungen ist. Wir legten Wert auf einen essayistischen Schreibstil und strebten auch die Aufnahme literarischer Beiträge an. Zudem verfolgten wir einen gewissen ästhetischen Anspruch, der sich darin manifestierte, dass wir Bildmaterial verwendeten und darüber hinaus Künstler*innen zur Co-Gestaltung unserer Ausgaben einluden. Vor allem aber war das Unternehmen von einer großen Lust getragen, gemeinsam etwas zu schaffen und zu gestalten und dieser Spirit hat sich über mehrere Generationen von Redaktionsmitgliedern bis heute gehalten.
Heute erscheint es nahezu unvorstellbar, aber in den ersten Jahren seit der Gründung trafen wir uns – ausgenommen in der vorlesungsfreien Zeit – in einem Abstand von zwei bis vier Wochen zu Redaktionssitzungen, bei denen es stets viel zu besprechen gab. Im Mittelpunkt standen natürlich die jeweiligen Heftausgaben. Es gab noch keine Call for papers via kv-Liste oder ähnlichen Plattformen. Stattdessen diskutierten wir zunächst potenzielle Themen und nach der Wahl eines Hefttitels suchten wir nach passenden Autor*innen dafür. Dann wurde zugeteilt, wer welche Autor*innen anfragen und darüber hinaus den Kontakt mit ihnen halten sollte.
Ein zentraler Punkt - eigentlich bis heute - war die Frage der Finanzierung. Diese fußte in den ersten Jahren auf drei Säulen. Die erste Säule bildete der Verkauf durch Abonnements und durch Handverkäufe am Institut. Ein Abonnent*innenstamm musste erst aufgebaut werden, dafür lief der Handverkauf sehr gut, weil die einzelnen Verwaltungsschritte damals noch nicht digitalisiert waren und im Sekretariat ein reger Parteienverkehr herrschte – Studierende holten Zeugnisse, schrieben sich für Seminare ein, meldeten sich für Exkursionen an, gaben Hausarbeiten ab oder trugen sich für Sprechstunden ein. Dabei stießen sie im Sekretariat automatisch auf die ausliegenden Hefte des kuckuck oder wurden darauf hingewiesen, was den Kauf ankurbelte.
Die zweite Säule bestand im Versuch, Werbeanzeigen von Gewerbetreibenden oder Banken in Graz zu generieren. Wir verpflichteten uns, jeweils zwei Geschäfte, Firmen oder Banken um eine Annonce zu bitten. Das funktionierte für die ersten beiden Jahrgänge, einerseits weil drei Banken in Hinblick auf eine potentielle studentische Klientel jeweils eine Anzeige in den Jahrgängen 1986 und 1987 schalteten, andererseits kamen einige Annoncen über persönliche Kontakte zustande, weil etwa der Kulturhauskeller die Stammbar von einigen Volkskundler*innen war, weil ein kuckuck-Mitarbeiter bei einem Modegeschäft beschäftigt war, ein Freund für eine Schuhfirma in Graz arbeitete oder Kontakte zu zwei Universitätsbuchhandlungen bestanden. Nach den ersten Jahren war dieses Potenzial allerdings ausgeschöpft, da es sich jeweils um einmalige (Gefälligkeits-)Anzeigen handelte. Bei der Auflage von 400 Exemplaren blieb der Werbeeffekt erkennbar gering. Daher beendeten wir diese Bemühungen, die sich zunehmend als fruchtlos erwiesen hatten. Die dritte Säule bildeten Publikationsförderungen durch das Land Steiermark und das österreichische Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung; eine einmalige Unterstützung erhielten wir auch von der Stadt Graz. Diese Förderungen sicherten jeweils die Drucklegung einer Ausgabe, die Einnahmen aus Abos und Verkäufen sicherten das zweite Heft eines Jahrgangs. Das Land Steiermark stellte allerdings seine Publikationsförderung schon 1996 gänzlich ein, entweder weil das Geld knapp wurde oder weil es mittlerweile zu viele zu fördernde Publikationen gab. Die Förderung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung dauerte noch bis 2014 an, ehe auch dort die Zeitschriftenförderung eingestellt wurde. Für die Jahre davor erinnere ich mich an viele interessante und launige Telefonate mit dem zuständigen Ministerialbeamten, der sich gerne – vermutlich um mich ein bisschen aus der Reserve zu locken – die modernisierte volkskundliche Kulturwissenschaft erklären ließ. Auf jeden Fall entsprach er in seiner Eigenwilligkeit und Intellektualität so überhaupt nicht dem gängigen Klischee eines Beamten der Ministerialbürokratie.
Zu den Tagesordnungspunkten der Redaktionssitzungen zählte auch die Verteilung der allgemeinen Kärrneraufgaben wie Versand, Korrektur lesen, Abrechnungen, Briefverkehr oder die Kontakte mit der Druckerei. Was den Druck anbelangt befanden wir uns immer wieder auf der Suche nach preiswerten Alternativen, was sogar zu Überlegungen führte, den kuckuck in Jugoslawien (das existierte damals noch) drucken zu lassen, wovon wir schließlich doch Abstand nahmen. All diese Dinge wurden in den Redaktionssitzungen immer wieder durchgekaut, aber die gute Laune wurde uns dadurch auch nicht verdorben, wie die humoristische Einleitung in einem kuckuck-Protokoll vom November 1986 belegt:
„So allmählich tröpfeln sie ein, unsere Redaktionsmitglieder. Ich selbst bin ja schon anwesend und übernehme nach der Frage nach dem/der heutigen Protokollschreiber/in, die unerhört im Raum hängen bleibt, selbst dieses ‚schwierige‘ Amt. Da ich aber nebenbei noch andere ‚Pflichten‘ zu erfüllen hatte, wie zum Beispiel Tee kochen, kann ich für die Vollständigkeit dieses Protokolls nicht garantieren. Aber wir wollten ja ohnedies kein in Formalismen erstickender Verein werden, sondern uns einen Rest an kreativem Chaos erhalten.“
Unsere Sitzungen fanden an wechselnden Orten statt, häufig auch in Wohnungen von Beteiligten. Einem Protokoll entnehme ich, dass wir uns im April 1987 bei Heidi Schrutka getroffen haben, die für uns zu ihrem Abschied aus Graz – sie wechselte als Hochschulassistentin an die Universität Bonn – eine Lasagne kochte. Überhaupt fanden viele Treffen bei ihr statt, was in einem Protokoll die Frage aufwarf, wohin wir ausweichen sollten, sobald sie nicht mehr in Graz wohnen würde. Legendär waren auch die Sommertreffen auf der Dachterrasse von Elisabeth Katschnig-Fasch, die jeweils nach einer Redaktionssitzung stattfanden und zu der sich auch Kolleg*innen und Freund*innen der Redaktion gesellten. Überhaupt war Elisabeth das intellektuelle Zentrum des kuckuck und ihr viel zu früher Tod im Jahr 2012 löste große Bestürzung aus.
Ich habe schon die Bemühungen um Kreativität beim kuckuck erwähnt, wobei gesagt werden muss: Vorsicht vor Leuten, die sich als kreativ bezeichnen! Zumindest der Wunsch nach kreativen Ideen war gegeben. Er äußerte sich in so simplen Dingen wie dem Beschluss, für jeden Jahrgang eine andere Heftfarbe zu wählen oder ein dreispaltiges Layout zu verwenden, das wir bis heute beibehalten haben, auch wenn einige jeweils neue Redaktionsmitglieder hier gerne etwas geändert hätten. Am intensivsten wurden unsere kreativen Bemühungen aber bei den Inhalten und der künstlerischen Gestaltung der Hefte. Wie bereits oben erwähnt, hatten wir von Beginn an die Idee, den kuckuck und die Beiträge durch Bildmaterial zu begleiten. In den ersten Ausgaben griffen wir auf eigene Fotografien, Karikaturen und Kopien von Grafiken, Skizzen oder Kunstfotografien zurück, die wir sammelten und von denen wir annahmen oder hofften, dass sie lizenzfrei verwendet werden dürfen. Alle Redaktionsmitglieder waren angehalten, für jede Ausgabe mehrere Abbildungen vorzuschlagen, unter denen ausgewählt wurde. Zunehmend wurden auch Künstler*innen direkt angesprochen und um Werke oder Abdruckgenehmigungen von Bildern und Grafiken gebeten. So konnten wir etwa – neben vielen anderen, die hier nicht aufgezählt werden können – Arbeiten von Tone Fink[3], Johann Jascha[4], Klaus Pitter[5], Meira Yedidsion[6], Gerald Brettschuh[7] oder Herms Fritz[8] veröffentlichen. Erst später gelang uns die Umsetzung der Idee, einzelne Künstler*innen ein ganzes Heft illustrieren zu lassen. Den Anfang machte dabei Susanne Baumhakel, die das Heft 2/1996 mit dem Titel Schmerz durch Abbildungen ihrer Objekte schädel bereicherte.
Zu den schönsten Erinnerungen der Anfangsjahre zählen die – heute anachronistisch anmutenden – Layoutabende. Nachdem die korrigierten Beiträge abgetippt worden waren – in den ersten Jahren meist von Barbara Schantl – trafen wir uns am Institut für Volkskunde und gestalteten das Layout. Dafür hatten wir einen Leuchttisch, wie ihn Grafiker verwende(te)n. Wolfgang Otte und seit dem Heft 1/1987 und für die Hefte 1/87 bis 1/89 Hans Ortner († 1989) zeichneten für das Layout verantwortlich und arbeiteten am Leuchttisch. Wir anderen bastelten an den Texten und Bildern. Begleitet wurde das Ganze von Diskussionen und Späßen und ich darf behaupten, dass es sich um eine community of practice handelte. Die Layoutgestaltungen dauerten immer sehr viel länger als gedacht und spätabends, wenn unsere Mägen knurrten, orderten wir Pizza und Bier. Neben den dabei entstandenen Freundschaften prägten uns aber vor allem die inhaltlichen Auseinandersetzungen, zu denen unser „Mastermind“ Elisabeth Katschnig-Fasch die wichtigsten Inhalte beisteuerte.[9] Aber auch traurige Momente blieben uns nicht erspart, etwa als Hans Ortner 1989 an Krebs erkrankte und innerhalb relativ kurzer Zeit seiner Krankheit erlag. Hans war der einzige Nichtvolkskundler in unserer Runde, aber mit seiner Ruhe und Ausgeglichenheit, seiner überaus freundlichen und liebenswerten Art, bereicherte er unsere Runde auf unnachahmliche Weise, weshalb er auch eine Lücke hinterließ, die weit über sein handwerkliches Geschick hinausreichte.
Um aber überhaupt zu einem Layoutprozess zu gelangen, musste es erst einmal Inhalte geben. Zu den jeweiligen Heftthemen führten wir lange Diskussionen und sammelten Ideen, über die es dann abzustimmen galt. Mit einigen Themen waren wir innerhalb des Faches durchaus früh dran. Ich denke etwa an Körpersprache (2/87), Erinnern/Vergessen (1/88), Gefühle (2/88), Gewalt (2/92) oder Spiele (2/93). Andere Titel lagen etwas quer zu gewohnten Thematiken. Dazu zählten Zeitzeichen (1/87), Groß und Klein (1/89), Abenteuer (2/90), Utopie (2/91), Geheimnis (1/93), Hören (2/94), Begehren (1/96) und Schmerz (2/96). Wieder andere Themen waren quasi zeitlos aktuell wie Kulturkontakte/Kulturdistanzen (2/86), Arm und Reich (1/91), Fremde (2/92), Metropolis (1/94), Universal - Regional (1/95) oder Rituale (2/95).
Nachdem die erste Ausgabe 1986 noch den Charme eines Studierendenblattes atmete (das ist keineswegs despektierlich gemeint), änderte sich das inhaltlich und äußerlich sehr schnell. Beim Durchblättern der ersten zehn Jahrgänge wurden so manche Erinnerungen wach und ich denke, wir können stolz darauf sein, dass der „kleine“ kuckuck es wirklich geschafft hat, schon allein in diesen ersten Jahren Arrivierte und jene, die es noch werden wollten, in den jeweiligen Ausgaben zu vereinen. Außerdem glückte uns auch der Anspruch, Autor*innen aus interdisziplinären Kontexten zu publizieren. Bei der Durchsicht dieser ersten Jahrgänge war ich selbst überrascht, welch interessantes Potpourri an Autor*innen uns gelungen war. Aus der Philosophie konnten wir etwa Christina von Braun, Hans Georg Soeffner oder Elisabeth List (†) gewinnen, aus der Ethnologie Klaus-Peter Koepping, Hans-Jürgen Hinrichs oder Karl Wutt, aus der Soziologie Eva Barlösius oder Wolf-Dietrich Bukow, aus den Geschichtswissenschaften Helmut Konrad, Karl Kaser (†), Ingomar Weiler (†), Karin Schmidlechner oder Karl Stocker. Aus der Germanistik Ingrid Spörk, die gleich drei Artikel für den kuckuck verfasste, und Uwe Baur, aus der Psychologie Nancy Lyon, aus der Anglistik Alwin Fill und aus den Sportwissenschaften Ingo Peyker.
Besonders beeindruckend ist, dass schon in diesen Anfangsjahren die wichtigsten Vertreter*innen einer, wenn es so gesagt werden darf, modernisierten Volkskunde im kuckuck publizierten. Darunter sind Autor*innen wie Rolf Lindner (Berlin)[10], Martin Scharfe (†, Marburg) und Dieter Kramer (Marburg/Wien) gleich mit vier Beiträgen vertreten, Utz Jeggle (†, Tübingen) mit drei und Ina-Maria Greverus (†, Frankfurt/Main) mit zwei. Die Liste lässt sich fortsetzen mit Hermann Bausinger (†, Tübingen), Arnold Niederer (†, Zürich), Ingeborg Weber-Kellermann (†, Marburg), Helge Gerndt (München), Wolfgang Kaschuba (Berlin), Regina Bendix (Göttingen), Gisela Welz (Frankfurt/Main), Michi Knecht (Bremen), Sabine Künsting (jetzt Sabine Doering-Manteuffel, Augsburg), Paul Hugger (Zürich), Reinhard Johler (Tübingen), Bernhard Tschofen (Zürich), Irene Götz (München), Joachim Schlör (Southampton), Wolfgang Meixner (Innsbruck), Jutta Dornheim (Bremen), Ronald Lutz (Erfurt), Ute Mohrmann (Berlin), Christian Giordano (Fribourg), Katharina Eisch (Graz), Sabine Kienitz (Hamburg), Esther Gajek (Regensburg), Heinz Schilling (Frankfurt/Main) und Johanna Rolshoven (Graz), die ja später auch Mitherausgeberin des kuckuck wurde.
Einige wichtige Autor*innen des kuckuck verfolgten ihre Karriere außerhalb der Universität. Dazu zählt Roberta Schaller-Steidl, die mit fünf Beiträgen jene Autorin ist, die neben einzelnen Redaktionsmitgliedern in den ersten zehn Jahren am häufigsten vertreten war. In diese Rubrik gehören aber auch Christoph Gasser, Franziska Becker, Georg Oswald, Ute Bechdolf, Christoph Köck, Cécile Huber, Kirsten Salein oder Sabine Gieske.
Wenn in dieser Jubiläumsausgabe einige Leser*innenbriefe abgedruckt werden, stellt dies nicht die erste entsprechende Reaktion auf den kuckuck dar. Bereits in der Ausgabe 2/96 hat unser Innsbrucker Kollege Wolfgang Meixner eine Bilanz als Leser zum zehnjährigen Jubiläum verfasst.[11] Dabei hat er zunächst auf einige statistische Besonderheiten abgehoben. Unser Anspruch, alle Statusgruppen im kuckuck vertreten zu sehen, werde sehr gut erfüllt, stammten doch 25% der Beiträge von Studierenden, 20% von sogenannten Mittelbauvertreter*innen und 17% von Professor*innen. Der Rest verteilt sich auf verschiedene Zuordnungen von Bibliotheken bis hin zu Museen. Besonders überrascht hat ihn der für die damalige Zeit hohe Anteil von Autorinnen, die 43% aller Beiträge beisteuerten, was den Anteil in anderen Fachjournalen deutlich übertraf. Interessant ist auch die Herkunft der ausländischen (meist deutschen) Autor*innen, die überwiegend von den vier Universitätsstandorten Frankfurt am Main (16 Beiträge), Berlin (11), Marburg/Lahn und Tübingen (jeweils 10) stammen. Die vielleicht interessantesten Ausführungen finden sich am Ende seines Beitrags, wo er den kuckuck zur Zeitschrift für Volkskunde ins Verhältnis setzt, über deren 10 Jahrgänge von 1986 bis 1995 Kaspar Maase einen Beitrag verfasst hat. Wolfgang Meixner betont das Selbstkritische und Selbstreflexive der kuckuck-Autor*innen, eine Angst vor dem Feld sei ebensowenig zu erkennen. „Das ‚Sperrige, Vieldeutige, Eigensinnige‘ wird in den Beiträgen nicht ausgespart, sondern zum Gegenstand der Analyse gemacht.“[12] Die Auseinandersetzung mit Fachtraditionen geschehe vor dem Hintergrund neuer Theorien und kulturwissenschaftlicher Ansätze. Daher fänden sich viele Beiträge zum Geschlechter- und Körperdiskurs und das soziale und Gender-Profil der Autor*innen würde von dem renommierterer Fachzeitschriften abweichen.
Die grundlegenden Prinzipien und Vorgehensweisen, die sich in den ersten 10 Jahren des kuckuck etabliert haben, haben wir in den weiteren Jahrzehnten beizubehalten versucht, wobei ein Urteil darüber den Leser*innen vorbehalten bleibt. Was sich geändert hat, ist die Frequenz unserer Treffen, was sich schon durch die Mobilität der beteiligten Personen nicht vermeiden ließ, oder der Einsatz neuer Technologien sowohl beim Satz als auch in der Kommunikation untereinander. Was ich allerdings als längstdienendes Mitglied von Herausgeberschaft und Redaktion konstatieren kann, ist die Tatsache, dass alle Beteiligten am kuckuck unabhängig von ihrer Position innerhalb oder außerhalb der Universität und unabhängig von der jeweiligen regionalen Verankerung mit großer Freude, Lust und Spaß an diesem Projekt mitarbeiten und das stimmt zuversichtlich, dass wir auch weitere Jubiläen erreichen werden.
[1] Dieser Beitrag hätte nicht geschrieben werden können ohne die Gespräche mit Adelheid Schrutka-Rechtenstamm und Burkhart Pöttler, die zu einem gemeinsamen Erinnern beigetragen haben. Beiden bin ich zu großem Dank verpflichtet, Burkhart Pöttler zudem dafür, dass er alte Protokolle ausgegraben und zur Verfügung gestellt hat.
[2] Wann immer in diesem Beitrag nur die männliche Form verwendet wird, geschieht das bewusst.
[9] Elisabeth war jene Kollegin und Freundin, die mein wissenschaftliches Denken und Arbeiten, aber auch den Umgang mit Studierenden mit am meisten geprägt hat.
[10] In Klammer stehen die aktuellen oder letzten akademischen Stationen, weil einige Vertreter*innen zur Zeit der Publikation an anderen Orten wirkten und es zu umfangreich wäre, all diese Laufbahnen darzustellen.
[11] Wolfgang Meixner: 10 Jahre „KUCKUCK. Notizen zu Alltagskultur und Volkskunde“ Versuch einer Bilanz als Leser: Ein Nachtrag. In: kuckuck. Notizen zu Alltagskultur und Volkskunde 11(1996)2, S.47-49.
[12] Ebenda.
1/26 Jubiläum - Editorial
editorial
40 Jahre kuckuck sind ein Grund zum Feiern – und zugleich ein Anlass, innezuhalten und zu fragen: Was macht den kuckuck so besonders? Die Antwort liegt nicht nur in den publizierten Texten, sondern auch in der Art und Weise, wie in der Redaktion gearbeitet und diskutiert wird. Davon erzählt unter anderem die Jubiläumsausgabe, die aus drei miteinander verbundenen Schwerpunkten besteht. Ein Teil thematisiert den kuckuck, seine Entstehung und redaktionelle Praxis, der zweite Fokus widmet sich der Frage der Wissensproduktion in unserem Fach und einen dritten Teil verkörpern Leserbriefe, die zeigen, was den kuckuck für Leser:innen und ehemalige Mitarbeiter:innen auszeichnet. Als Kunstbeitrag hat Kollegin Ruth Eggel die Arbeit am kuckuck grafisch skizziert. Ergänzt wird das durch Fotografien aus der Redaktionsarbeit und von öffentlichen Präsentationen.
Wer hätte gedacht, dass ein Publikationsorgan, das zwar über eine institutionelle Anbindung, aber keine grundständige Finanzierung verfügt, über einen so langen Zeitraum „überleben“ kann. Dies ist nur möglich, weil der kuckuck über die Jahrzehnte hinweg immer wieder engagierte junge Wissenschaftler:innen attraktiviert hat, sich mit Begeisterung auf dieses Projekt einzulassen. Eine wichtige Rolle spielen aber auch unsere treuen Abonnent:innen, weil der kuckuck ohne diese Basisfinanzierung nicht überlebensfähig wäre. Der kuckuck ist sich über die Jahre auf verschiedenen Ebenen treu geblieben, das gilt für Inhalte, Interdisziplinarität oder eine spezifische Ästhetik. Es gilt aber ebenso für das Festhalten an einer gedruckten Ausgabe, auch wenn wir Open-Access-Formaten insgesamt positiv gegenüberstehen. Wir glauben jedoch, dass zur Spezifik dieses kuckuck auch das haptische Gefühl gehört, jede neue Ausgabe in Händen zu halten, und dass nur eine gedruckte Version der Ästhetik des kuckuck gerecht wird.
Diese Jubiläumsausgabe, in der sich Leser:innenbriefe und andere Beiträge abwechseln, beginnt mit einem Essay von Johanna Rolshoven, der durch die Geschichte und die Seele des kuckuck führt. Rolshoven zeigt, wie die Zeitschrift seit 40 Jahren Möglichkeitsräume eröffnet, Brücken zwischen Disziplinen, Academia und Öffentlichkeit baut und Wissenschaft als lebendigen, assoziativen Prozess anders denkbar macht. Regina F. Bendix nimmt das Jubiläum des kuckuck zum Anlass für eine pointierte Kritik an der neoliberalen Universität und ihrer Logik der „Wissensproduktion“. Sie zeigt, wie Wissen zur Ware, Lehrende zu Dienstleister:innen und Studierende zu Kund:innen werden – und fragt, was Wissenschaft jenseits von Effizienz, Bewertung und Produktionsdruck sein könnte.
Johannes Mosers Blick auf die Anfangsjahre erinnert daran, dass die Gründungsidee 1985/86 kein Zufall war, sondern eine bewusste Entscheidung. Es sollte ein Publikationsorgan sein, gegründet von jungen Wissenschaftler:innen und Studierenden, die über den Elfenbeinturm Universität hinaus wollten, den interdisziplinären Austausch ebenso suchten wie die Anbindung zur Kunst. Jens Wietschorke zeichnet am Beispiel von eigenen Arbeiten das Spannungsfeld zwischen streng akademischen und populärwissenschaftlichen Publikationsformaten nach.
Ruth Dorothea Eggel und Sabrina Stranzl nehmen uns in ihrem Beitrag hinter die Kulissen der redaktionellen Praxis mit. Sie zeigen, wie sie Kritik im kuckuck als reziprokes Gegenangebot verstehen, was kritische Für_Sorge als Wissenspraxis bedeutet und wo diese an ihre Grenzen stößt. Sabine Eggmann analysiert Volksmusiksendungen im Schweizer Rundfunk als mediale Wissensformate. Dabei fragt sie, wie durch Wissenspraktiken unterschiedlicher Akteur:innen, Technik, Materialitäten, Ideen, Handlungen und Gesellschaft die Schweiz erzählt wurde und wie sie in Zukunft anders erzählt werden könnte.
In einem Gespräch zu Begutachtungskriterien wissenschaftlicher Beiträge diskutieren Sarah Nimführ und Lydia Arrantes, wie klassische Peer-Review-Verfahren oft zu intransparenten und demotivierenden Bewertungsräumen werden und stellen dem die redaktionelle Praxis des kuckuck als „Alltagskultur des Gemeinsam-Machens“ gegenüber. Rolf Lindner erzählt in einer selbstkritischen Anekdote von einem frühen kuckuck-Beitrag über das sich wandelnde Ost-Berlin, in dem er mit seiner westlich geprägten Kritik am Plattenbau ins Fettnäpfchen trat.
Mit dieser Sammlung von Texten, Fotos, Skizzen, Glückwünschen und Erinnerungen wünschen wir unseren Leser:innen ein anregendes Schmökern in dieser Jubiläumsausgabe.
Sabrina Stranzl
Johannes Moser
Ruth Dorothea Eggel
KUCKUCK-Redaktion
Österreich
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Karl-Franzens-Universität Graz
Attemsgasse 25/I
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Deutschland
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Ludwig-Maximilians-Universität München
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