2/22 Kommunismus
Inhalt
‚Kommunismus‘ als alltägliche Praxis: Bella Ciao als Aushandlungsspielraum in Italien
Marion Hamm, Janine Schemmer
Das Kommunismus-Narrativ: Blickwinkelveränderungen
Dieter Kramer
Scheitern der Linken: Über Kommunist_innen, die dem Kampf gegen Faschismus die Solidarität entziehen, und warum wir gerade während des Krieges eine kommunistische Utopie brauchen, aber sie nicht bekommen: jedenfalls nicht von westlichen Linken
Olga Reznikova
Die gemeine Stadt (Abbildungen Erik Göngrich)
Kathrin Wildner
Promises and Limits of One Attempt to ‘Queer Socialism’
Čarna Brković
Collective forgetting: Longue durée (?) of common-pool resources in Croatia
Olga Orlić
Onomastik und Revolution: Über den Einfluss der kommunistischen Ideologie auf kubanische Namensgebungspraktiken
Luis Ramon Campo Yumar
Humanes Design: Sozialistisch-kommunistische Kulturwerte als Inspirationsquelle für eine moderne Designphilosophie
Kristin Hahn
“Mask mandates = communism”
Jonathan Schmidt Dominé
Élisée Reclus, Geograf und Anarchist
Justin Winkler
Kommunismus? Kommunismus!
Die Zeitverhältnisse einer auseinanderdrif-
tenden Gesellschaft legen es den, sich an
menschenwürdigen Lebensverhältnissen
orientierenden Kulturwissenschaften nahe,
Entwürfe, Utopien und Realisierungen ge-
sellschaftlicher Kohäsion neu zu betrach-
ten. Die Fehlentwicklungen der Moderne,
die Wohlstand und Zukunftsversprechen
mit sich gebracht haben, müssen zugleich
die Überstrapazierung der planetaren Res-
sourcen und die dramatische Zunahme
von Unrechtsverhältnissen verantworten,
die jene seit der Aufklärung ausgezogen
war abzuschaffen. Zahlreiche lokale, na-
tionale und transnationale Initiativen,
wie etwa die von renommierten Gesell-
schaftswissenschaftlerinnen 2014 lancier-
te Debatte über Konvivialismus1 , wie die
durch den Kulturanthropologen David
Graeber ins Spiel gebrachten, aus sozialer
Kreativität hervorgehenden neuen sozialen
und institutionellen Arrangements2 oder
auch die in diesem Heft skizzierte Initi-
ative der Bundeszentrale für politische
Bildung zur Zukunft einer „Gemeinen
Stadt“ überprüfen erneut philosophische
und religiöse Denkangebote und Ideolo-
giegebäude der Vergangenheit nach Mög-
lichkeitsformen eines ressourcengerechten,
am Miteinander von Mensch und Natur
orientierten Lebens.
Die vorliegende Ausgabe hat sich unter
diesen Vorzeichen mit dem Stichwort
Kommunismus einen im wahrsten Sinne
des Wortes aufregenden Begriff vorgenom-
men, dem die Kontroverse eingeschrieben
ist. Das Wort „Kommunismus“ – als phi-
losophische, politische und wirtschaftliche
Utopie eines solidarischen Zusammenle-
bens unter dem Primat der herrschafts-
freien Ressourcenteilung ebenfalls eine
Frucht der Moderne – weist eine Färbung
auf, eine Geschichte, einen Sound, den
es sich lohnt, unter neuen Vorzeichen
zu betrachten. „Kommunismus“ evoziert
Emotionen, bezeichnet prominente Politi-
ken, Gebäude, Protagonist_innen u.v.m.,
aber auch zahlreiche weniger prominente politische und alltägliche Ausprägungen.
Der kuckuck hat die Autor_innen der vor-
liegenden Ausgabe zu Neubetrachtungen
dieses Kulturerbes eingeladen, zu kleinen
Essays und Stücken, die an den Grund-
ideen von Gleichheit, Gerechtigkeit und
Freiheit, wie sie Kommunismus als Ge-
sellschaftsform historisch eingeschrieben
sind, ansetzen.
Die historische Genese seiner Mehrdeutig-
keiten lässt sich in der Sozial- und Wirt-
schaftsphilosophie verorten, in der Ideen-/
Ideologie- und Sozialgeschichte, aber auch
in der Gesellschaftstheorie. Der Entwurf
einer an Gleichheit und Gerechtigkeit ori-
entierten Gesellschaftsform hat weltweit
viele unterschiedliche politische Form-
versuche hervorgebracht. Hoffnung und
Scheitern sind ihnen ebenso eingeschrie-
ben wie eine Politik der kleinen Schritte
und Errungenschaften. Die Geschichte
des Kommunismus, die – für die einen als
„Schreckgespenst“, für die anderen als Zu-
kunftshoffnung – den Aufstieg der kapita-
listischen Moderne begleitet hat, ist trotz
ihrer Utopie einer friedfertigen Weltgesell-
schaft von blutigen Kämpfen gezeichnet:
vermaledeit, seine realen und vermeintli-
chen Anhänger_innen bezichtigt, verfolgt,
eingesperrt, getötet. Die Diskreditierung
seiner Ideale sowohl durch einen sozia-
listischen Totalitarismus als auch durch
(insbesondere neoliberale) hegemoniale
kapitalistische Strukturen durchzieht die-
se Geschichte wie ein roter Faden. Vieles
aus dieser Vergangenheit markiert unsere
Gegenwart als verdrängte Geschichte, in
der das ideologische Konstrukt der Gleich-
setzung von Kommunismus, Sozialismus
und Totalitarismus seine humanistischen
Möglichkeitsformen verdrängt hat. Gerade Perspektivierungen aus Kultur- und
Sozialanthropologie und Empirischer
Kulturwissenschaft bieten hier Zugänge
einer Neubetrachtung an. Sie ermögli-
chen es, Kommunismus als „empirische
Kulturform“ (Ferdinand Tönnies) zu lesen,
die – wie insbesondere die ethnologischen
Arbeiten von David Graeber, Pierre Clast-
res oder Georges Balandier gezeigt ha-
ben – in die Menschheitsgeschichte der
langen Dauer eingeschrieben und damit
offen ist für zeitgemäße Aktualisierun-
gen. Ist es nicht an der Zeit, sich in der
sich augenfällig re-feudalisierenden und
entdemokratisierenden Gegenwart anzu-
schauen, welche Angebote kommünotäre
Gesellschafts- oder Gemeinwesensformen
für die postdemokratischen Gesellschaft
des 21. Jahrhunderts machen können?
Hier lässt sich an vielem ansetzen: an der
Internationale politischer Formversuche,
am Teilen und Schonen der Ressourcen,
an der Solidarität, der Nachbarschaft, dem
Kollektiv, dem Tauschen, den vielen zivil-
gesellschaftlichen Herstellungsversuchen
von Gleichheit und Gerechtigkeit. Aus der
Sicht der empirischen Kulturwissenschaft
lässt sich Gesellschaftsveränderung stets
in kleinen Schritten und Verschiebungen
denken, in Maßstäben des möglichen und
notwendigen Handelns. Die Beiträge die-
ser Ausgabe bieten dazu interessante An-
knüpfungsmöglichkeiten.
Die Kulturwissenschaftlerinnen Marion
Hamm und Janine Schemmer bezeich-
nen „Kommunismus“ als eine „Chiffre“,
die je nach politischer Couleur Ausdruck
für den Wunsch nach einem menschen-
würdigen Leben steht, als Provokation des
bürgerlichen Establishments dient oder als
Instrument politischer Ausgrenzung einge-
setzt werden kann. In ihrem Beitrag werfen
sie am Beispiel der italienischen Singpraxis
des Liedes „Bella Ciao“, das als Partisanen-
gesang im antifaschistischen Widerstand
des Zweiten Weltkriegs bekannt geworden
ist, einen Blick auf „Kommunismus als all-
tägliche Praxis“. Eng mit den populären
Versprechen des Kommunismus verbun-
den offenbart seine Aktualisierung in den
unterschiedlichsten Zusammenhängen
das Lied als Brückenbilder zwischen den
alltäglichen Aktivitäten ganz normaler
Menschen und ihrer Artikulation von
Widerstand gegen Ungerechtigkeit.
Dieter Kramer bezieht sich in seinem
Beitrag auf das aktuell auflagenstarke und
vielfach übersetzte neue Werk des Anthro-
pologen David Graeber und des Archäo-
logen David Wengrow. Deren Relektüre
der Menschheitsgeschichte revidiert fun-
damentale Grundannahmen, die vor allem
mit und seit der Aufklärung Weltbild, Ideal
und Hegemonieanspruch einer westlichen
Gesellschaftsform geformt haben. Der
kursorische ideengeschichtliche Einblick
lädt ein, sich mit eigenen Vorannahmen
auseinanderzusetzen und einen geschichts-
relativen Blick auf die Ideologiegeschichte
zu werfen.
Olga Reznikova liefert in ihrem Beitrag
eine wahre Philippika gegen die westliche
Linke, der sie mangelnde Solidarität mit
den Menschen in der Ukraine vorwirft
und dass sie sich nicht entschieden gegen
den „russischen Faschismus“ stellten. Sie
kommt insgesamt zu dem Schluss, dass es
zwar einen neuen Kommunismus brau-
chen würde – im Sinne einer humanisti-
schen und antifaschistischen Alternative –,
aber dieser weder in Utopie noch in Praxis
gedacht oder realisiert werde.
Die Ethnologin und Künstlerin Kathrin
Wildner diskutiert ausgehend von einer
Veranstaltungsreihe „Gemeine Stadt“ die
Potentiale des Begriffs „gemein“. Vor allem
geht es ihr und der präsentierten Veranstal-
tung darum, wie sich das Gemeinsame,
das in den Begriffen Community, Com-
mons oder in den deutschen Begriffen Ge-
meinschaft und Gemeinde steckt, für die
Gestaltung von Stadt in Stellung bringen
lässt. Was kann es etwa für die gemein-
schaftliche Nutzung öffentlicher Räume
bedeuten, für kollektiven Konsum und für
die Organisation von Stadt als pluralisti-
scher, diverser und dynamischer Raum,
also für das, was in einem empathischen
Verständnis von Urbanität enthalten ist.
Čarna Brković zeigt einen Ausschnitt aus
ihrer Forschung über künstlerische In-
terventionen der LGBTIQ-Bewegung in
Montenegro. Im Hintergrund der farbigen
Eingriffe an ergrauten nationalen Monu-
menten steht die Auseinandersetzung
mit einem ursprünglich an Gleichheit
orientierten sozialistischen Erbe, bei dem
Antifaschismus und Toleranz (noch) eng
verknüpft waren.
Olga Orlić beschäftigt sich unter dem Titel
„Collectice forgetting” mit einer Weidege-
meinschaft in Kroatien, die seit dem 19.
Jahrhundert über verschiedene Regimes
und Rechtsverhältnisse hinweg besteht
und gemeinsam Weideland verwaltet und
betreibt. In der Gegenwart wird diese Form
von Commons allerdings häufig mit dem
Staatsozialismus nach 1945 assoziiert und
diskreditiert, weil es nicht der dominanten
sozio-ökonomischen Ideologie entspricht.
Der kubanische Literaturwissenschaftler
Luis Ramón Campo Yumar schildert die
„onomastische Revolution“ in Kuba: Die
Umbenennungspolitiken in der Folge
der kommunistischen Staatsgründung
mit Fidel Castro. Aus einer patriotischen
Perspektive untersucht er den Einfluss
kommunistischer und revolutionärer Ide-
ale, wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität,
Freundschaft und Internationalismus, auf
die neue politische Bedeutungslandschaft.
Die kulturwissenschaftliche Modetheore-
tikerin Kristin Hahn beleuchtet Hinter-
gründe kreativer Gestaltungsprozesse. Am
Beispiel der DDR beschreibt sie, inwieweit
hier Designpraktiken von Gebrauchsgü-
tern Ideale der sozialistischen Gesell-
schaftsform reflektierten. In bestimmten
Herstellungsbereichen wie der Modefa-
brikation waren sowohl Arbeitsweise als
auch Produktästhetik von humanistischen
und kollektivistischen Idealen geprägt. Sie
stellt Bezüge zu aktuellen Formversuchen
eines sog. inklusiven Designs her, in dem
soziale und ökologische Verantwortung
eine zentrale Rolle spielen.
Jonathan Schmidt-Dominé spürt in aktu-
ellen Pandemiediskursen „Kommunismus“
als Hassformel einer individualistischen
Entsolidarisierung auf. Er beleuchtet die
Argumente von Skeptiker_innen wie auch
Realist_innen in der Pandemiedebatte um
Covid-19 vor dem Hintergrund der Poli-
tiken und Interessen eines global agieren-
den Kapitalismus. Der hier aufscheinen-
den „Nichtrationalisierung menschlicher
Bedürfnisbefriedigung“ wird im Kontext
marxistischer Theorie mit Herbert Marcu-
ses Konzept des Irrationalismus analysiert
und ihr dabei das Prinzip Kommunismus
als Möglichkeitsform der antiautoritaris-
tischen, vernünftigen gesellschaftlichen
Selbstgestaltung entgegengehalten.
In seinem Rückblick auf die Ideengeschich-
te des Anarchismus und ihre Verknüpfung
mit der Geschichte der modernen Wis-
senschaften, widmet sich der Schweizer
Geograf und Kulturwissenschaftler Justin
Winkler Person und Zeitgenossenschaft
von Elisée Reclus, einer zentralen Grün-
dungsfigur der Humangeografie. Reclus,
prominenter Mitkämpfer der Pariser
Commune verkörpert mit seinem Werk,
seinem Geschichtsverständnis, seinem
Leben und seinem sozialen Netzwerk die
Mission einer grenzüberschreitenden,
herrschaftsfreien Freiheit und Gleichheit
aller Menschen (auch der Geschlechter).
Anstelle der üblichen Kunstabbildun-
gen haben wir uns diesmal entschieden
QR-Codes abzubilden, über die Sie zu
verschiedenen Songs verwiesen werden,
die wir mit Kommunismus im weitesten
Sinn verbinden. Eine erweiterte Liste wer-
den wir auf der Homepage des kuckuck
veröffentlichen. Wir wünschen allen Le-
ser_innen des vorliegenden Heftes ein an-
geregtes und kontroverses Weiterdenken
der Impulse aus diesen Beiträgen sowie
ihr Hineintragen in zahlreiche Diskussi-
onen in den unterschiedlichsten transver-
salen Zusammenhängen – im Sinne von
Auseinandersetzung und Argumentation
als kritischer Wissenschaftspraxis, in der
Alltagsrealität und Gesellschaftsordnung
zusammengedacht werden!
Johanna Rolshoven
Johannes Moser
Anmerkungen
1 convivialisme.org/worldwide/de/
(Zugriff: 1.10.2022)
2 Vgl. u.a. David Graeber: Fetischismus als
soziale Kreativität. Oder: Fetische sind Göt-
ter im Prozess ihrer Herstellung. In: Zeit-
schrift für Kulturwissenschaften 1 (2008), S.
49-68, hier S. 49.
KUCKUCK-Redaktion
Österreich
Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie
Karl-Franzens-Universität Graz
Attemsgasse 25/I
A-8010 Graz
Deutschland
Institut für Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Oettingenstraße 67
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