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Inhalt
Schwimmendes Leben im schwimmenden Müll.
Durchkreuzung von Dualismen im Great Pacific Garbage Patch
Isabella Hesse
Sex s(m)ells?
Dimensionen des Trash bei Sexspielzeugen. Eine Reflexion.
Nadine Beck
Zur verflochtenen Existenz von Datenmüll und Elektroschrott
Katrin Amelang & Franziska Klaas
Commons statt Trash
Das Essen auf dem Weg vom Müll zum Allgemeingut
Valeria Georgieva
Für mich ohne trash, bitte!
Zero Waste: zwischen Nachhaltigkeit und Luxus
Irina Lukanova
‚H&M für Gruftis‘
Annäherungen zwischen Trash und Tradition
Nikola Nölle
Ab in die Welt des trash!
In unserer kapitalistischen Ausschussgesellschaft steht trash synonym für Abfall, Müll und Weggeworfenes. Unnütze (Neben)-produkte von Produktion und Konsum werden häufig ignoriert oder durch Verdrängung und Verlagerung unsichtbar gemacht. Im Kontext des Anthropozäns und Kapitalozäns unterzieht sich die Bedeutung von trash einer wissenschaftlichen Neubewertung. Darüber hinaus bezieht sich trash auch auf Kitsch, Schund und unerwünschte Materialien, die als primitiv, banal oder trivial gebrandmarkt werden. Wir laden ein, das Konzept von trash jenseits seiner herkömmlichen Vorstellungen zu erkunden, während wir seine facettenreichen Dimensionen durch eine kulturwissenschaftliche Analyse und Neubewertung ergründen.
Die Autor:innen der vorliegenden Ausgabe präsentieren eine vielfältige Palette von Perspektiven, die vorgefasste Vorstellungen von trash herausfordern.
Die ambivalente Bedeutung von trash zeigt Isabella Hesse in ihrem Beitrag anhand des Great Pacific Garbage Patch (GPGP), der sowohl anthropogene Umweltverschmutzung als auch Lebensraum darstellt, die “Kategorien ‘wertlos’ und ‘schützenswert’ durcheinanderbringt” und ruft uns alle dazu auf, anders über Müll zu reden.
Eventuell ebenso im GPGP anzufinden ist, der trash von dem Nadine Beck schreibt und die darüber reflektiert, was eigentlich mit Sex Toys passiert, “wenn wir mit ihnen unsere Praktiken ausüben” und was es mit unseren Körpern und unserer Umwelt macht. Beck zeigt außerdem, wie sie sich vom Symbol für “billige, platte und banale Sexualität, für Trash als schlechten Geschmack” hin zum “Surplus für die sexuelle Wellness” entwickelten.
Mit scheinbar weniger greifbaren trash beschäftigen sich Katrin Amelang und Franziska Klaas im nachfolgenden Artikel und fragen, wie sich Daten und ihre Träger als Abfall in Rechenzentren materialisieren. Auf einem explorativen Campus-Rundgang entlang von IT-Strukturen begleiten wir die beiden dabei, wie sie den multiplen Handhabungen und Transformationen von Datenträgern folgen.
Am Beispiel der Initiative Foodsharing thematisiert Valeria Georgieva, wie aus trash - verstanden als unnötig weggeworfene Lebensmittel - ein Gemeingut wird. Dabei wirft sie Fragen zu der damit verbundenen gesellschaftlichen Umdeutung auf, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.
Irina Lukanova befasst sich in ihrem Beitrag ebenfalls mit einer Bewegung. Die Autorin betrachtet Abfall als kulturell geprägten Begriff und beschreibt ihren persönlichen Weg zur Auseinandersetzung mit Zero Waste. Dabei weist sie auf die Bedeutung von Ressourcenschonung hin und hinterfragt gesellschaftliche Normen. Zero Waste ist dabei sowohl ein Symptom als auch eine Lösung für ökologische Probleme, eine Bewegung, die individuelle und strukturelle Veränderungen anstrebt.
Trash im Sinne von mainstream Massenware beleuchtet Nikola Nölle und beschreibt die Annäherung von Fast Fashion und DIY in der Gothic-Szene. Diese war laut ihres “Ursprungsmythos” durch selbstgemachte, individuelle Mode geprägt, aber mit dem Aufkommen von Versandhändlern und Onlineshops wurde sie zunehmend kommerzialisiert und standardisiert. Nölle verdeutlicht jedoch hybride Praktiken zwischen gekaufter Massenware und selbst modifizierter Kleidung. Durch die prozessorientierte Kulturanalyse können die Veränderlichkeit und die Konnektivität zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem in der Szene nachvollziehbar gemacht werden.
Visuell begleitet wird unsere Ausgabe von zwei unterschiedlichen Künstler:innen Jessi Strixner und Lena Schabus, die auf ihre jeweilige Art und Weise täuschend echt, womöglich gar trashig, agieren?
Jessi Stixner setzt sich als Holzbildhauerin in ihren Arbeiten mit Skulpturen, insbesondere mit Kleidung und deren Wirkung, auseinander. Sie zieht die Betrachter:innen direkt und ungeschönt in intime Momente hinein. Auf fast voyeuristische Art betrachten wir achtlos aufgehängte Kleidungsstücke: Von der smelly “Groupie-Batman-Socke”, über die ausgewaschene Jeansjacke, bis hin zu einem fast fetischartig angehauchten BH, bleibt es dabei prinzipiell den Betrachter:innen überlassen, sich ein Bild der:des Träger:in zu machen. Lena Schabus hingegen arbeitet mit fotografischen Aufnahmen, welche sie zu neuen Bildwelten kombiniert. Bildcomposing ist eine künstlerische Technik ähnlich der Fotomontage, bei der Fotografien so bearbeitet, collagiert und verändert werden, dass sie mitunter nicht von einer realen Aufnahme zu unterscheiden sind. Und doch wirken die finalen Werke auf subtile Art und Weise beunruhigend, da sie nicht die gegebene Wirklichkeit wiedergeben, sondern eher spekulative, alternative Realitäten oder gar dystopische Zukunftsvisionen zeichnen. Beiden Kunstbeiträgen ist damit eine gewisse Hervorhebung des Alltäglichen, Banalen oder Verworfenen, sei es in Form von (gebrauchten) Kleidungsstücken oder veränderten Realitäten gemein. Herangehensweisen, die durchaus als "trashig" gelesen werden können und über ihre Umformung sowie Aneignung unerwartete Qualitäten entfalten.
Wir wünschen viel Vergnügen im Gedankenkarussell und beim Lesen,
Mateja Marsel und Maurizio Scelsi
Schwimmendes Leben im schwimmenden Müll. Durchkreuzung von Dualismen im Great Pacific Garbage Patch
Isabella Hesse
Reduce, re-use, recycle. Neue Formel ohne Mikroplastik. Als Mantra auf Klimaschutzdemos ist es zu hören, auf Produktverpackungen zu lesen: Weniger Plastik! Die Menge an Plastik in den Weltmeeren hat derartige Ausmaße erreicht, dass sich an mehreren Orten regelrechte Inseln aus Müll gebildet haben. Die größte davon, mit einer Fläche so groß wie Mitteleuropa, zirkuliert im Pazifik, zwischen Hawaii und Nordamerika, und wird Great Pacific Garbage Patch oder Großer Pazifischer Müllstrudel genannt (Karlowski 2021, o.S.). Anhand dieses Phänomens lässt sich eine anthropozentrische Horrorgeschichte entwickeln, die eine große Anzahl an leicht verständlichen Dualismen beinhaltet. Auf der einen Seite steht dann die Natur: rein, sauber, unberührt. Auf der anderen die Menschen mit ihrem Plastikmüll: zerstörerisch, verunreinigend, unheilvoll. Aus einer derartigen Geschichte, von einem Überfall des Menschen auf eine passive Natur, kann allein die Konsequenz gezogen werden, dass diese Verunreinigung schleunigst beseitigt werden muss. Wie gut, dass mit dem Thema dieser Ausgabe, Trash, auch ein Anlass geboten wird, um die Komplexitäten des Gegenstands Plastikmüll aufzufalten und über andere mögliche Konsequenzen nachzudenken. Denn obwohl Plastikmüll und anthropogene Umweltverschmutzung schwerwiegende Folgen mit sich bringen, ist die eben erzählte Geschichte nur ein Teil dessen, was sich in den Meeren abspielt.
Anthropos der Zerstörer
Umweltschutzdiskurse verlaufen häufig über eine Dichotomie von ursprünglicher, reiner Natur und eingreifender, zähmender menschlicher Kultur, die zwar fortschrittlich gestaltet, aber zugleich das Ursprüngliche vernichtet oder verunreinigt (vgl. Arndt 2015, o.S.). Implizit in diesem Weltbild enthalten sind die menschlichen ‚Anderen‘, denen eine besondere Naturverbundenheit zugeschrieben wird. Oft sind dies Frauen, indigene oder ehemals kolonialisierte Bevölkerungen. In einem dualistischen Weltbild werden diesen Menschen per Definition Werte wie Rationalität oder Fortschrittlichkeit abgesprochen und ihre Positionen damit abgewertet. In diesem Dualismus ist Umwelt statisch und passiv, bis Menschen in sie eingreifen (vgl. ebd.). Umwelthistorische Perspektiven zeigen dagegen, wie das Konzept Natur im historischen Verlauf fortschreitend mit Zuschreibungen versehen worden ist, etwa Wildheit oder jungfräuliche Unberührtheit (vgl. ebd.). Umwelt ist demnach kein statisches Objekt, sondern ein dynamischer Beziehungspartner menschlicher Akteur*innen. Derweil hinterfragt kulturvergleichende Forschung die Universalität einer Natur-Kultur-Dichotomie (vgl. Descola 2011, 60). In den Kulturwissenschaften sowie der Wissenschafts- und Technikforschung wird seit einigen Jahren geduldig die harte Natur-Kultur-Trennung als unhaltbar entlarvt und eine andere Denkweise aufgezeigt, nämlich NaturenKulturen als: „Verflechtungen, Fusionen und zirkulierende Praktiken zwischen Natur und Kultur“ (Gesing et al. 2018, 7). Weg ist das Märchen von Anthropos dem Zerstörer, der über eine statische, passive Umwelt hereinfällt und sie beschmutzt. Wenn wir davon ausgehen, dass Natur keine statische Gegebenheit ist, sondern ein dynamisches menschliches Konstrukt, folgt daraus, dass auch die Kategorie der schützenswerten Natur nicht selbstverständlich ist, sondern dass sich Konzepte und Praktiken von Naturschutz vor dem Hintergrund historischer Rahmenbedingungen entwickeln. Schützenswerte Natur wird diskursiv erzeugt. Diesen Umstand zu verstehen ist essenziell, um eine fruchtbare Debatte um das hochgradig emotionalisierte und symbolisch aufgeladene Thema Umweltschutz führen zu können. Wir müssen darüber reden, wie wir über Umweltschutz reden.
Leben im Müllstrudel
Dass gerade der Great Pacific Garbage Patch besonders große Biodiversität beherbergen soll, klingt wie ein Widerspruch, doch nichts anderes behauptet ein interdisziplinäres Team von Forscher*innen. Im Garbage Patch konnten sie eine hohe Konzentration an „obligate neuston“ nachweisen, Wesen, die an der Meeresoberfläche leben, beispielsweise Algen, Schnecken und Quallen (Chong et al. 2022, 1). Neuston fungiert als Bindeglied zwischen Ökosystemen, da sich z.B. Vögel, Schildkröten und Fische davon ernähren. Das Leben im Pazifischen Müllstrudel dient also einerseits als Lebensgrundlage für etliche Tiere und hat zugleich tödliche Folgen für jene Tiere, die sich auf der Suche nach essbarem Neuston in den Müllstrudel begeben und Plastik verschlucken. Bilder von Schildkröten, die an Plastikmüll ersticken, sind in Medien weit verbreitet und vermitteln eingängig die tödlichen Folgen von achtlosem Umgang mit Plastikmüll. Sehr viel trüber wird das Diskursgewässer, wenn Wissenschaftler*innen darauf aufmerksam machen, dass Plastikmüll auch einen Lebensraum darstellen kann.
Die Gefährdung des neustonischen Ökosystems ist einer von vielen Gründen, weshalb das „Ocean-Cleanup“-Projekt, eine private Initiative zur Beseitigung des GPGP, von Wissenschaftler*innen Kritik eingefangen hat. Dazu kommt, dass das durch Aufräumfahrten entfernte Plastik in keinem Verhältnis zu den investierten finanziellen Mitteln und verausgabten Emissionen steht. Denn mit dem Herausfischen ist das Problem noch nicht gelöst – der Plastikmüll muss recycelt, vergraben oder verbrannt werden, was wiederum Kosten und CO²-Ausstoß bedeutet (vgl. Hohn et al. 2020, 5).
Von Garbage Patch zur Plastisphäre
Der Kulturanthropologe Sven Bergmann hat dargelegt, dass der Eingang von Plastikmüll und insbesondere Mikroplastik in ozeanische Ökosysteme die dualistische Trennung von Natur und Kultur erschüttert (Bergmann 2018, 355). In seiner Arbeit mit Meeresbiolog*innen, die die Aneignung von Mikroplastik als Lebensraum für Mikroben erforschen, stellte Bergmann zunächst fest, dass gängige mediale Darstellungen von Plastikmüll im Meer in die Irre führen. Bilder von größeren Plastikobjekten, die an der Meeresoberfläche treiben, oder auch Formulierungen wie „Garbage Patch“ verstärken die Vorstellung von Natur als grundsätzlich von Menschen separatem Bereich, der verschmutzt wird und gereinigt werden muss. Die Plastisphäre – das Ökosystem, welches entsteht, wenn Mikroplastik zur Heimat von Mikrolebewesen wird – entzieht sich aber einer so ‚aufgeräumten‘ Darstellung (vgl. ebd.). Für die enge Lebensgemeinschaft von Müll und Mikroben ist laut Bergmann sogar die Metapher der Verschränkung oder Verwicklung unzureichend, weshalb er Schleim als neue Metapher entwickelt. Schleim teilt sich viele unliebsame Assoziationen mit Müll, gilt als unrein, verdorben, ungesund. Mensch ekelt sich davor. Wie Bergmann selbst feststellt, gehören Mikroben nicht zu den beliebtesten Lebewesen (vgl. ebd. 372f). An Bergmanns „Schleimige[n] Assoziationen“ möchte ich anhaften und sie weiterspinnen, indem ich Gedanken der feministischen Theoretikerin Donna Haraway hineinflechte sowie Beobachtungen zur Wissenschaftskommunikation im Bereich Plastikmüll. Anhand des Beispiels der zitierten Neuston-Studie gehe ich der Frage nach, wie im Plastikmülldiskurs mit Kategorien von Reinheit und schützenswerter Umwelt gearbeitet wird. Wie macht man Müll und Schleim schmackhaft?
Das Anthropozän und andere Geschichten
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde der Begriff Anthropozän von den Naturwissenschaftlern Eugene F. Stoermer und Paul J. Crutzen eingeführt, die mit dieser formalen Benennung einer menschendominierten geologischen Epoche das Ausmaß menschlicher Einwirkung auf die Erde markieren wollten (vgl. Haraway 2018, 67). Seitdem hat der Begriff vor allem in Diskursen zum Klimawandel eine warnende, beunruhigende, aufrüttelnde Funktion entfaltet. Obwohl er sich in diesem Projekt als nützlich erwiesen hat, übt Donna Haraway Kritik an dem Begriff Anthropozän.
Anthropos als Protagonist des Anthropozäns und, wenn man so will, als ‚Täter‘ hinter der Klimakatastrophe suggeriert ein Geschichtsverständnis, das zum einen übermäßig eurozentrisch-generisch und zum anderen übermäßig individualistisch sei (vgl. Haraway 2018, 71f). Menschen als Täterspezies zu verallgemeinern, verdeckt die Beziehungen von Macht und von Verantwortung, die bis heute globale Geschichte mitgeprägt haben. Die Vorstellung des zerstörerischen Anthropos kappt zudem die „artenübergreifenden Fadenspiel[e]“ (Haraway 2018, 72) und „Schleimige[n] Assoziationen“ (Bergmann 2018, 353), die Wissenschaftler*innen wie Bergmann und Haraway versuchen sichtbar zu machen. „Die Spezies Mensch macht keine Geschichte“, so Haraway, „‚Der Mensch und sein Werkzeug‘ machen keine Geschichte. Das ist nur die Geschichte, die der menschliche Exzeptionalismus über Geschichte erzählt.“ (Haraway 2018, 72) Um die Täterfrage zuzuspitzen, entwickelt Haraway den kritischen Begriff des Kapitalozäns sowie den Gegenentwurf des Chthuluzäns. Letzterer bedeutet für Haraway eine Geschichte gemeinsamen Werdens statt individualistisch-anthropozentrisch geschriebener Geschichte, ein Denken-mit, Verheddern und Verfilzen mit Gefährt*innen. Dieser Artikel begann mit der Horrorgeschichte des anthropogenen Müllstrudels. Doch die lähmende Verzweiflung über den zerstörerischen Menschen hat, genauso wie die anthropozentrische Heldengeschichte des Aufsammelns, Platz machen müssen für die sympoietisch geschaffenen Geschichten von Müll und Mikroben, von Plastik und Neuston. Im Anthropozän haben sich Menschen in das Gesicht der Erde eingeschrieben, sie waren nur nicht die Einzigen.
Schützen, töten und tötbar machen
Das neustonische Ökosystem im Great Pacific Garbage Patch, das irgendwo zwischen zu entsorgendem Abfall und schützenswerter Biodiversität treibt, kann auch als Anstoß dienen, um über Haraways Konzept des Lebens im oder mit dem Töten nachzudenken. In ihrem Buch „When Species meet“ schlüsselt sie auf, wie Lebewesen tötbar gemacht werden. Mord gilt als moralischer Verstoß, doch praktizieren Menschen durch die Geschichte und verschiedene Gesellschaften hindurch immer wieder das Töten und finden eine moralische Legitimierung dafür. Tiere werden tötbar gemacht, oder Menschen, denen man ihre Menschlichkeit abspricht. Der gesellschaftliche Konsens darüber, wer und was getötet werden ‚darf‘, ist historisch verschiebbar. Laut Haraway hat das Töten in der Anthropozän genannten Zeit mit dem „exterminism“, der massenhaften Ausbeutung und Ausrottung von Tieren, ein neuartig enormes Ausmaß eingenommen (Haraway 2008, 78). Obwohl sie diesen Exterminismus verurteilt, sieht Haraway keinen Ausweg darin, mit dem Töten einfach aufzuhören, da Töten in irgendeiner Form unvermeidbar sei. Dieses Konzept ist uns in Form der Nahrungskette schon längst bekannt: Der große Fisch frisst den kleinen, der kleinere frisst die winzigen Schnecken im Neuston und allesamt werden sie vom Seevogel aufgeschnappt und gegessen. Dieses Töten kennen wir als natürlich, es macht uns in der Regel keine große Angst. Haraway referiere ich hier, weil ihre Gedanken zum Töten eine Hilfestellung bei den hochkomplexen Abwägungen bieten könnten, die Umweltschutz in der Anthropozän genannten Zeit erfordert. Die angeführte Studie über den Pazifischen Müllteppich beinhaltet implizit die Fragen danach, welche Lebewesen tötbar sind, welche schützenswert sind und wie Menschen sich in das Leben und Sterben im Ozean einmischen (sollten). Denken wir Haraways Tötbarmachen weiter, erkennen wir Versuche des Untötbarmachens durch die Aufwertung bestimmter Geschöpfe als bedroht, als schützenswert oder schutzbedürftig. Die Neuston-Forscher*innen streben dies an, indem sie den Pazifischen Müllteppich mit der Sargassosee vergleichen, einem Gebiet mit hoher Biodiversität, welches von den Vereinten Nationen als schützenswert gekennzeichnet worden ist. Indem sie das Leben im „anthropogenic debris“ gleichsetzen mit dieser Region, die bereits als ökologisch und ökonomisch kostbares Naturgut markiert worden ist, werden die Kategorien ‚wertlos‘ und ‚schützenswert‘ durcheinandergebracht (Chong et al. 2022, 11).
Am Töten führt kein Weg vorbei, meint Haraway. Übrig bleibt uns die Möglichkeit, einen responsablen Umgang mit der Umwelt zu finden. Haraway bietet eine eher vage Erklärung, was responsables Leben und Töten konkret bedeuten kann, in jedem Fall gehört aber dazu, den Blick nicht vom Töten abzuwenden, Verantwortung für die Beziehungen zu übernehmen, in die wir als Menschen verstrickt sind (vgl. Haraway 2018, 54). Wenn Menschen dem Leben durch Töten nicht ins Auge schauen können, bleibt laut Haraway als moralische Flucht nur übrig Kategorien zu etablieren, durch die das Töten legitimierbar ist. So geraten Menschen in ein systematisches Exterminieren (vgl. Haraway 2008, 80). In Bezug auf den Müllteppich könnte eine responsable Haltung womöglich so aussehen, dass Menschen ihren Müll nicht achtlos wegwerfen, aber auch dass sie bei der Beseitigung ihres Abfalls achtsam damit umgehen, was andere Lebewesen in der Zwischenzeit aus diesem Müll gemacht haben.
Über Müll reden
Was tue ich nun, wenn ich responsabel sein will, wenn ich hinschauen möchte, wenn ich dem achtlosen Exterminismus des Kapitalozäns etwas entgegensetzen möchte? Als Inspiration können wir uns anschauen, wie Rebecca Helm, eine der Autor*innen der zuvor erwähnten Neuston-Studie, ein nichtwissenschaftliches Publikum dazu hinführt, den Müll nicht nur anzuschauen, sondern ihn anschauen zu wollen. Wissenschaftskommunikation über Twitter kann auf ihre Wirksamkeit kritisch hinterfragt werden, schließlich müssen, um den Anforderungen des Mediums gerecht zu werden, komplexe Zusammenhänge zu eingängigen Kurzbotschaften komprimiert werden. Die Sprache des Threads gibt allerdings Aufschluss darüber, wie schützenswerte Umwelt für ein Lai*innenpublikum konstruiert werden kann.
Der erste Tweet beginnt mit für die Plattform typisch aufmerksamkeitsheischender Sprache: „OMG it literally took someone SWIMMING FROM HAWAII TO CALIFORNIA to discover this, but how did we find something shocking in the Great Pacific Garbage Patch...“ (Helm 2022). Die Studie wird in Zusammenhang mit dem Projekt des Langstreckenschwimmers Ben Lecomte präsentiert, der den Müllteppich durchkreuzen wollte: „To see what is ACTUALLY out there.“ (ebd.) Obwohl es schon mehrere Studien über Neuston im Pazifischen Müllteppich gegeben hat, werden die Forschungsergebnisse auf Twitter nicht als Teil eines langfristigen, allmählichen Ansammelns von Wissen präsentiert, sondern als schockierende Neuigkeit. „BAM. They reached the boundary of the patch and there they were. Plastic yes, but also LIFE. Life living out there totally SEPARATE from plastic! Blue floating life, called 'neuston', that’s been in the pacific for millions of years.“ (ebd.) Plastik wird zunächst als Gegensatz zu Leben aufgestellt, auch mit Berufung auf die Ursprünglichkeit des Neustons, während Plastikmüll als menschengemachter Eindringling im Ozean nichts zu suchen hat. Die Formulierung „totally SEPARATE“ ist befremdlich, denn im Paper wird ja gerade ein positiver Zusammenhang zwischen schwimmendem Müll und schwimmendem Leben vorgestellt (Chong et al. 2022, 2). Der Sinn der Formulierung erschließt sich aber, wenn der Twitter-Thread als Simulation eines Erkenntnisprozesses gelesen wird. Die Tweets führen von der Annahme, Plastikmüll sei gegensätzlich zu Meeresleben durch das Erleben einer Inkongruenz, hin zu einem wissenschaftlichen Heureka-Moment: „Suddenly, it starts making sense. These animals float just like plastic. Their lives are moved around by the currents and wind, just like plastic. If you look at the amount of plastic and the amount of life, they line up! More plastic, more life.“ (Helm 2022)
Die epistemische Reise führt schließlich zum Aufruf, Plastikverschmutzung des Meeres im Vorfeld zu verhindern, anstatt durch nachträgliches Entfernen der Plastikteppiche wieder Biodiversität zu zerstören. Die Lesenden werden zur Teilnahme an „community science“ animiert: „[We need] swimmers or sailors, kayakers or yacht owners, to go into the open ocean and tell us what they see.“ (ebd.) Um Menschen für den Schutz der Biodiversität im Pazifischen Müllteppich zu begeistern, musste die Autorin den eingefleischten Dualismus von Menschengemachtem und Natürlichem, von Anthropos dem Zerstörer und der reinen Natur, zuerst erzählerisch dekonstruieren. Eingeflochten in diese Erzählungen können sogar schleimige, im Müll hausende Schnecken wunderschön werden:
„Violet snails, who cannot swim and keep from drowning by making a life raft of snail slime.
Flower-shaped jellies that float on the surface and shimmer and pulse, like stars…
By-the-wind sailors, going where the wind will take them, literal living sailboats.“ (ebd.)
Ausblick über unruhiges Gewässer
Es ist nicht nur wichtig, über Müll zu reden, sondern auch wie wir darüber reden. Plastikmüll beschäftigt uns nicht allein deshalb so stark, weil die Gefahr, die davon ausgeht, so groß ist, sondern weil das Thema sowohl medial als auch in unserer unmittelbaren Umgebung sehr sichtbar gemacht wird und weil sich aus dieser Krise wieder ökonomischer Profit in Form von Greenwashing schlagen lässt. Die Vorstellung des Müll-Einsammelns lässt uns fühlen, dass unsere Umweltsünden umkehrbar sind, obwohl es, wie Bergmanns Arbeit zur Plastisphäre zeigt, schon längst zu spät ist, den Menschen aus der Natur zu entfernen – wenn es denn jemals möglich war. Für die Wissenschaften ist es zunächst ein essenzieller Schritt, sich von einem Natur-Kultur-Dualismus zu verabschieden und Verstrickungen der NaturenKulturen überhaupt zu sehen. Wie Haraway drängt: „Es ist von Gewicht, welche Gedanken Gedanken denken. Wir müssen denken!“ (Haraway 2018, 83) Um den Gedankenfaden weiterzuspinnen – wir müssen uns den Müll genau anschauen, seine schleimigen Fäden nachverfolgen. Und dann müssen wir darüber reden. Wir müssen über Scheinlösungen wie Greenwashing sprechen, die in Wirklichkeit nur neue Formen kapitalistischer Ausbeutung sind. Wir müssen so über Müll reden, dass unsere Zuhörer*innen nicht angesichts des zerstörerischen Anthropos verzweifeln. Wir müssen so über Müll reden, dass auch andere Lust bekommen, ihn sich ganz genau anzuschauen.
Literatur
Arndt, M., 2015. Umweltgeschichte. Docupedia-Zeitgeschichte. http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.703.v3
Bergmann, S., 2018. Schleimige Assoziationen im Meer – die Plastisphäre, in: Gesing, F., Knecht, M., Flitner, M., Amelang, K. (Eds.), NaturenKulturen: Denkräume Und Werkzeuge Für Neue Politische Ökologien. transcript Verlag, pp. 353–384. https://doi.org/10.1515/9783839440070-012
Chong, F., Spencer, M., Maximenko, N., Hafner, J., McWhirter, A., Helm, R.R., 2022. High Concentrations of floating life in the North Pacific Garbage Patch (preprint). Ecology. https://doi.org/10.1101/2022.04.26.489631
Descola, P., 2011. Jenseits von Natur und Kultur, 1st ed. Suhrkamp, Berlin.
Gesing, F., Knecht, M., Flitner, M., Amelang, K., 2018. NaturenKulturen-Forschung. Eine Einleitung, in: Gesing, F., Knecht, M., Flitner, M., Amelang, K. (Eds.), NaturenKulturen: Denkräume und Werkzeuge für neue politische Ökologien. transcript Verlag, pp. 7–50. https://doi.org/10.1515/9783839440070
Haraway, D.J., 2018. Tentakulär denken. Anthropozän, Kapitalozän, Chthuluzän, in: Harrasser, K. (Tran.), Unruhig bleiben: die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Campus Verlag, Frankfurt am Main New York, pp. 47–83.
Haraway, D.J., 2008. Sharing Suffering. Instrumental Relations between Laboratory Animals and Their People, in: When Species Meet, Posthumanities. University of Minnesota Press, Minneapolis, pp. 69–93.
Helm, R.R., 29.04.2022. Twitter. URL https://twitter.com/RebeccaRHelm/status/1520107539785871362 (accessed 22.05.22).
Hohn, S., Acevedo-Trejos, E., Abrams, J.F., Fulgencio de Moura, J., Spranz, R., Merico, A., 2020. The long-term legacy of plastic mass production. Science of The Total Environment 746, 141115. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2020.141115
Karlowski, U., 22.09.2021. Warnung vor The Ocean Cleanup. Stiftung Meeresschutz. URL https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/meeresverschmutzung/the-ocean-cleanup/ (accessed 22.05.22).
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