2/25 Care_Aktivismus - Inhalt
Caring for a ‘Left Behind’ Community: How Care Becomes Resistance in Deindustrialised South Wales
Olivia Frigo-Charles
Familie sucht man sich nicht aus
Drag-Familien zwischen Parodie, Protest und Fürsorge
Jana Brass
Rundum versorgt. Warum migrantische safer spaces
und postmigrantischer Aktivismus Hand in Hand gehen
Anna Burghartswieser
Remember_Pray_Rest: (Visuelle) Notizen zur autoethnografisch-aktivistischen Gewaltgedächtnisforschung in drei Akten
Medina Velić
Für Imagination sorgen – Potenziale und Grenzen einer Care-Perspektive auf zivilgesellschaftlichen Aktivismus und Erinnerungsarbeit gegen Rechtsextremismus
Aline Riedle
Kollektiv Sorge(n) – Sorge(n) im Kollektiv. Erinnerungsarbeit und Interventionen in der Feministischen Geschichtswerkstatt Freiburg
Birigit Heidtke, Hannah Kindler, Stephanie Stroh,
Sarah Wirschke
Caring Resistance – Caring Solidarity
Ko-Artikulationen queerer Fürsorge als Text-Podcast-Assemblage
Sascha Sistenich, jJsmith, hørmie
Caring for and with pigeons.
Mehr-als-menschliche Sorgepraktiken im Regensburger Taubenmodell
Marie Laufkötter
Ü - über über über
Klara Goiny
Alone Together: Building and Maintaining Collective Care Webs Beyond the Enclosed Home
Fiona Hager
Kunstbeitrag
basira
2/25 Care_Aktivismus - Leseprobe
2/25 Care_Aktivismus - Editorial
Sorgen und umsorgen, fürsorgen und nachsorgen, versorgen und vorsorgen, aussorgen, besorgen und entsorgen, sorgsam sein und sich kümmern, re-produzieren, achtsam und nachhaltig agieren; diejenigen umsorgen, die sich sorgen. Care_ oder Sorge_Arbeit durchzieht unser Zusammenleben mit Mensch, Tier, Umwelt, sowie im Digitalen: wir alle sorgen, sind besorgt und werden versorgt.
Dennoch oder gerade weil Care_Arbeit so zentral in unseren Alltagen ist, bleibt sie oft unsichtbar, wird als selbstverständlich vorausgesetzt oder als ‘natürliche’ Aufgabe abgewertet – besonders, wenn sie von Frauen*, prekär Beschäftigten oder marginalisierten Gruppen geleistet wird.
In Zeiten wachsender sozialer, ökonomischer, politischer Herausforderungen und Krisen wird die Bedeutung von Care jedoch immer deutlicher und zum Ausgangspunkt von Aktivismus, Protest und der Suche nach Alternativen: Kämpfe um Anerkennung und gerechte Verteilung von Sorge_Arbeit, Kämpfe gegen die Unsichtbarkeit und Ausbeutung von weiblicher* und prekärer Arbeit.
Bewegungen, in denen Sorge_Arbeit häufig selbst nicht gerecht aufgeteilt ist, zeigen, wie tief Care in Mächtverhältnissen verwoben ist. Denn die Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit verfestigt nicht nur normative Geschlechterverhältnisse und Ausbeutung, sondern auch rassistische, klassistische und ableistische Strukturen - selbst in links-alternativen Bündnissen. Care re-produziert Arbeitskraft im Kapitalismus, wie auch antikapitalistische Ressourcen, die soziale und politische Kämpfe erst ermöglichen. Care ist ein globales Machtfeld, das intersektional betrachtet werden muss: Care ist ein kollektives Projekt, das als Alternative zu staatlichen, ökonomischen Strukturen praktiziert werden kann, aber dennoch fest in ableistische, anthropozentrische, cis-normative, kapitalistische, misogyne, neo-koloniale, patriarchale und rassistische Ordnungen eingebettet ist.
Mit dieser Ausgabe des kuckucks möchten wir dazu anregen, diese historisch geprägten und in aktuellen Praxen re-produzierten Unsichtbarkeiten und Entwertungen von Care_Arbeit kritisch zu hinterfragen und zugleich die Potenziale von Sorge als politisches und ethisches Prinzip sichtbar zu machen. Die in dem Heft versammelte Mischung an Beiträgen eröffnet thematisch, sowie durch unterschiedliche Formate vielstimmige Perspektiven auf die Bedeutung von Care in aktivistischen Kontexten. Essayistische, ebenso wie autobiografische, poetische Beiträge sowie ein Podcast gestalten die Ausgabe. In unterschiedlichen Formen machen die Autor*innen ihre Positionierungen transparent und Schreiben als feministische, sowie kollaborative, für_sorgliche Praxis greifbar.
Die Beiträge dieser Ausgabe spannen einen Bogen von lokalen Care-Netzwerken zu sorgsamen Praktiken kollaborativen Arbeitens über postmigrantische und queer-feministische Solidaritäten bis hin zu für_sorglischer Erinnerungsarbeit und mehr-als-menschlichen Für_Sorgepraktiken. Die Autor:innen zeigen und hinterfragen zugleich in ihren Texten wie Sorge_Arbeit als kollektives Projekt gedacht und praktiziert werden kann. Sie machen sichtbar, wie Care_Räume und _Praxen auf Solidarität, Aushandlungen, mehr noch auf Ausschlussmechanismen beruhen, und Für_Sorge in aktivistischen Kontexten nicht nur das Risiko eingeht, staatliche Leerstellen zu füllen, sondern gar Prekarität, Ungleichheit und Hierarchien zu re-produzieren - wie der Beitrag von Olivia Frigo-Charles verdeutlicht.
Frigo-Charles untersucht, wie informelle Care-Praktiken in vernachlässigten Gemeinschaften zu stillem Widerstand werden. Am Beispiel des postindustriellen Südwales zeigt sie, wie solche Netzwerke die Lücken eines zerfallenen Sozialstaats füllen und Grundbedürfnisse sichern. Dabei analysiert sie die Ambivalenz von Care: Einerseits stärken diese Praktiken den Widerstand gegen neoliberale Entsolidarisierung und fördern kollektive Handlungsfähigkeit; andererseits entlasten sie den Staat von seiner Verantwortung und riskieren, Prekarität zu normalisieren. Frigo-Charles fordert, Care-Initiativen nicht als bloße ‘Resilienz’ zu idealisieren/romantisieren, sondern als Teil eines politischen Kampfes für eine Umverteilung von Ressourcen und die Stärkung öffentlicher Infrastruktur zu verstehen.
Fiona Hager wählte ein ganz anderes Format. Ihre Story Maps "Parenting | Ageing | Settling – Alone Together" sowie der dazugehörende Text zeigen, wie kollektive Wohnmodelle wie die Genossenschaft LeNa in Basel alternative Care-Strukturen/care webs schaffen, die jenseits traditioneller (Kern-)Familien- oder staatlicher Versorgungslogiken funktionieren. Care webs entfalten ihr transformatives Potenzial in selbstorganisierten Räumen und durch flexible Unterstützungsnetzwerke. Dennoch stehen auch sie ohne systemische Unterstützung und Einbettung in caring cities vor der Herausforderung, bestehende Ungleichheiten, gegen die sie ankämpfen, zu reproduzieren.
Auch die Feministische Geschichtswerkstatt (Femwerkstatt) beschäftigt sich mit dem Thema Care anhand unterschiedlicher Formate. Die Femwerkstatt ist ein Projekt, das Praxen rund ums Archivieren, Ausstellen und Performen als multidimensionale, kollektive Sorgearbeit versteht. Care wird hier als künstlerische Praxis und Methode und Aktivismus als Sorgen verstanden. In ihrer “vielstimmigen Text-Collage” blicken die Autorinnen auf den sorgsamen Umgang mit Quellen und Oral History und gehen bspw. der Frage nach, wie wir für Zeitzeug(*)innen als auch für ein Füreinander im Kollektiv sorgen können.
Ebenfalls vielstimmig ist die "dialogische Assemblage aus Podcast und Text” von Sascha Sistenich, Jespa und Hoermin. In dieser untersuchen sie queeren Aktivismus auf sein fürsorglich-solidarisches Potenzial. Dabei fokussiert der Podcast auf die Frage nach der Notwendigkeit fürsorglicher Strukturen im queeren Aktivismus, während der Text selbst zur kollektiven, epistemischen und fürsorglichen Praxis wird.
Mit queer-aktivistischen Räumen beschäftigt sich auch Jana Brass in ihrem Beitrag, indem sie auf queere wahl-familiäre Bande und deren solidarisch-sorgende Praktiken blickt.
Brass beschreibt wie auf Theaterbühnen, Demonstrationszügen, in Bars und Sozialen Medien das Publikum durch Drag-Künstler*innen gezielt herausgefordert, irritiert und provoziert wird. Gleichsam geht sie der Verortung künstlerischer Praktiken des Drag an der Schnittstelle von Aktivismus und Fürsorge nach, durch welche queere und häufig mehrfach marginalisierte Lebensrealitäten thematisiert sowie gesellschaftliche Vielfalt und Familie als aktivistische wie auch fürsorgliche Praxis ausgehandelt werden.
Klara Goinys Beitrag behandelt ebenfalls Familie, explizit Muttersschaft. Goiny verwebt in ihrem Beitrag durch Notizen und Gedichte ihre Erfahrungen als Mutter. Eine Rolle, die einen Schauplatz für Ungleichheiten darstellt und gesellschaftliche Machtverhältnisse offenlegt. Goiny thematisiert Selbst-, sowie Fremdansprüche an das Mutter-Sein und wirft einen Blick auf Elternschaft und Fürsorgearbeit in patriarchalen kapitalistischen Gesellschaften. Ein Text aus der Ich-Perspektive, der zeigt, dass Elternschaft nicht als einzelne Erzählung und nicht als Rolle stattfindet, sondern als vielfältige Praxis.
Mit "Caring for and with pigeons" erweitert Marie Laufkötter die aktuelle Ausgabe um Mensch-Tier-Beziehungen. Laufkötter macht anhand des Regensburger Taubenmodells sichtbar, wie durch mehr-als-menschliche Care-Praktiken zwischen Menschen, Locktauben und Stadttauben alternative, fürsorgliche Bündnisse entstehen, die traditionelle Natur-Kultur-Grenzen herausfordern. Auch in ihrem Text wird die Ambivalenz von Care deutlich: Die Sorgearbeit/Fürsorge um Tauben ist untrennbar mit Kontrolle verbunden – sie schafft lebenserhaltende Netze, dient aber auch der räumlichen Regulierung und ‚Bereinigung‘ urbaner Räume.
Anna Burghartswieser bringt die Leser:innen wiederum in migrantische safer spaces und zeigt anhand postmigrantischem Aktivismus, wie diese als komplementäre Strategien wirken, um strukturelle Diskriminierung zu überwinden und eine inklusive Gesellschaft zu gestalten. Safer spaces bieten Menschen mit Rassismuserfahrungen geschützte Rückzugs- und Empowermentorte. Sie dienen der Selbstfürsorge und zur politischen Organisierung. Sie zeigen, dass postmigrantischer Aktivismus eine gemeinsame, plurale Identität jenseits von ethnischen Zuschreibungen anstrebt: Nicht roots (Herkunft), sondern routes (Lebenswege) verbinden.
An der Schnittstelle von Care und Erinnerungsarbeit stehen je die Beiträge von Aline Riedle und Medina Velić. Aline Riedle untersucht in ihrem Beitrag, wie zivilgesellschaftlicher Aktivismus gegen Rechtsextremismus durch eine Care-Perspektive als kollektive Fürsorgearbeit für demokratische Werte und Erinnerungskultur verstanden werden kann. Sie zeigt, dass Care hier nicht nur reaktiv und bewahrend wirkt – etwa im Schutz von Gedenkstätten oder der „Brandmauer“ gegen Rechtsextremismus –, sondern auch transformativ und zukunftsgerichtet sein kann: als Praxis, die neue politische Imaginationen hervorbringt und Handlungsfähigkeit in polarisierten Zeiten stärkt. Gleichzeitig zeigt Riedle, wie Care-Praktiken Machtverhältnisse reproduzieren und Ausschlüsse erzeugen können, selbst wenn sie emanzipatorisch intendiert sind.
Medina Velić gewährt in ihrem autoethnographischen Beitrag "Remember Pray Rest" Einblick in Erinnerungspraxen in Bezug auf den Genozid in Bosnien und Herzegowina der 1990er Jahre. Gedenkpraxen, die um und in Srebrenica stattfinden, ebenso wie die verwobene (Kriegs-)Biographie und Positionalität der Autorin stehen im Fokus des Texts. Durch sorgsames Schreiben legt Velić die Vielfalt der Stimmen Betroffener offen und beschäftigt sich mit Strategien von Überlebenden, sowie von Aktivist*innen vor Ort und in der Diaspora. Care wird mit Erinnerungsforschung verknüpft und Erinnerungsarbeit als Sorge_Arbeit praktiziert.
Gerahmt wird die aktuelle Ausgabe durch den Foto- und Spoken-Word Beitrag “care_trash”. Dieser ist durch das Kollektiv basira in Zusammenarbeit mit dem Verein Danaida entstanden. Danaida bietet unter anderem Basisblidungs- und Deutschkurse für Frauen mit Migrations-/Fluchterfahrung an. In einem der Basisbildungskurse sind die abgebildeten Werke entstanden, die Räume gebaut aus care_trash (Müll, der durch Sorge_Arbeit entsteht) darstellen. Räume, die aus care_trash bestehen, jedoch frei von Care_Verpflichtungen sind. Durch das Projekt wird die Verteilung von Care besonders in Zeiten eines alarmierenden Rechtsruck angeprangert und die Verschränkungen von Care_Routen und Müll_Routen; von Zugang zu und Ausschluss von Care in kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaften thematisiert.
Ein herzlicher Dank geht an alle Beitragenden und Einsender:innen für die zahlreichen, inspirierenden Beiträge. Leider konnten wir nicht alle aufnehmen – die Fülle und Qualität der Einreichungen zeigt jedoch, wie dringend und vielstimmig die Debatte um Care und Aktivismus zu führen ist. Die aktuelle Ausgabe veranschaulicht, wie Care und Aktivismus sich gegenseitig durchdringen und stärken können. Wir wünschen viel Freude beim Lesen und verbleiben solidarisch …
KUCKUCK-Redaktion
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